Die Begriffe Wianbu und Chŏngsindae (Guest Post by Azatoth)

Soh, C. Sarah (2008), The Comfort Women. Sexual Violence and Postcolonial Memory in Korea and Japan, University of Chicago Press
ISBN 978-0-226-76777-2

Als das Schicksal ehemaliger Prostituierter in japanischen Militärbordellen zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs erstmals das Interesse der breiten Öffentlichkeit erregte, formierte sich im November 1990 das Korean Council (Der vollständige englische Begriff lautet Korean Council for Women Drafted for Military Sexual Slavery by Japan). Es ist die weltweit größte Organisation zur Unterstützung ehemaliger Wianbu. aus 37 Frauenorganisationen, um die überlebenden „Trostfrauen“ zu unterstützen. Der koreanische Name dieser nichtstaatlichen Organisation lautet Hanguk Chŏngsindae Munje Taech`aek Hyobuihoe. Auffällig ist die Verwendung des Ausdrucks “Chŏngsindae” statt des zu Kriegszeiten für Prostituierte gebräuchlichen Euphemismus “Wianbu” . Wianbu“ ist eine wörtliche Übersetzung des japanischen Begriffes „Ianfu“. In der englischsprachigen Literatur ist der Begriff „comfort women“, in der deutschsprachigen „Trostfrauen“ gebräuchlich.) Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff und ist es gerechtfertigt, ihn synonymisch für die Bezeichnung “Wianbu” zu verwenden? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werde ich im Folgenden die historischen Hintergründe der Chŏngsindae beleuchten und durch kritische Betrachtung von Zeugenaussagen Schlüsse über die Plausibilität einer Verbindung zwischen Chŏngsindae und Wianbu ziehen.

Der Begriff „Chŏngsindae“ (japanisch: teishintai) wurde von japanischen Behörden erstmals in den frühen 1941er Jahren verwendet, als Anstrengungen unternommen wurden, die Produktion kriegsrelevanter Güter durch Mobilisierung der Bevölkerung anzukurbeln. Anfangs noch alle Bürger Japans und der Kolonien bezeichnend, welche auf diese Weise angeworben in Fabriken arbeiteten, beschränkte er sich ab 1943 zunehmend auf die weiblichen Arbeitskräfte und wurde seit der Verordnung des japanischen Premierministers Tōjō zur Gründung der „Joshi Rōdō Teishintai“ ( Die englischsprachige Entsprechung lautet „Women`s Volunteer Corps“, auf Deutsch lässt sich der Begriff mit „Freiwilliges Frauenarbeitsregiment“ wiedergeben), koreanisch „yŏja kŭllo chŏngsindae“ ausschließlich für Frauen angewendet, die dem Arbeitscorps beigetreten waren.

Nach Schätzungen des Historikers Takasaki Sōji betrug die Anzahl der als Chŏngsindae arbeitenden koreanischen Frauen nicht mehr als 4.000. Die Angaben jedoch, welche der Aktivist Yun Chong-ok 1981 in der koreanischen Tageszeitung Hanguk Ilbo veröffentlicht, übersteigen jene Takasakis um weit mehr als das hundertfache. Seinem Essay zufolge sollen 200.000 Frauen zwischen 1943 und 1945 mobilisiert worden sein. Die Schwierigkeiten bei der Ermittlung zuverlässiger Werte liegt im Fehlen dokumentarischer Beweise (Viele Dokumente wurden nach der Niederlage Japans vom japanischen Militär vernichtet).

Yun Chong-ok gibt weiterhin an, das zwischen 50.000 und 70.000 der Arbeiterinnen in den Fabriken im Alter von 18 bis 23 Jahren als Trostfrauen missbraucht wurden. Auch für diese These existieren keine dokumentarischen Belege. Es ist fraglich, inwiefern der kleine Prozentsatz heute noch lebender ehemaliger Wianbu exemplarisch für die Gesamtheit der Frauen in den japanischen Militärbordellen des zweiten Weltkriegs gelten kann. Die Zahlen jedoch, welche uns eine aus 190 Aussagen überlebender Frauen erarbeitete Statistik. Die Statistik wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts erstellt, welches von dem süd-koreanischen Ministerium für Geschlechtergleichheit finanziert wurde) liefert, lassen es zweifelhaft erscheinen, dass die Mehrheit der Trostfrauen zuvor als Chŏngsindae gearbeitet hat: nur 23,2 % der befragten Frauen wurden nach eigenen Angaben zwischen 1943 und 1945 als Wianbu rekrutiert, die Mehrheit aber noch vor 1943 und somit vor der Gründung der Chŏngsindae 1944 (Soh, 2008). Aus diesem Grund kann höchstens ein kleiner Bruchteil der Wianbu mit dem falschen Versprechen von lohnender Fabrikarbeit im Zuge der Chŏngsindae-Rekrutierung angeworben worden sein. Ein weiteres Indiz hierfür ist die Tatsache, dass der Begriff „Chŏngsindae“ fast ausschließlich in den höheren Schichten der Gesellschaft verbreitet war, nicht aber unter den meist aus ärmeren Familien stammenden ungebildeten Frauen, welche für die Militärbordelle rekrutiert wurden. Sarah C. Sohs Untersuchungen ergaben des weiteren, dass von 100 befragten Überlebenden „five claimed to have been recruited as chŏngsindae labour recruits and sent to Japan or China to become comfort women. Only two cases appear to qualify as having been „real“ chŏngsindae-turned-comfort women“.

Eine dieser Frauen ist Kang Tŏk-kyŏng (1929-1997). Sie gibt an, 1944 für das Chŏngsindae Arbeitscorps mobilisiert worden zu sein und einige Zeit in einer Flugzeugfabrik in der japanischen Stadt Fujiko gearbeitet zu haben, bis sie aufgrund der schlechten Lebensbedingungen floh und von einem Militärpolizist gefasst, vergewaltigt und in ein Militärbordell gebracht wurde. Von einem gewaltsamen Transport von den Fabriken in die Militärbordelle spricht keine dieser Zeuginnen. Der ehemalige japanische Soldat Yoshida Seiji jedoch gestand in seinen beiden Werken (Chōsenjin Ianfu to Nihonjin, 1977 und Watashi no Sensō Hanzai, 1983) unter anderem, bei der gewaltsamen Entführung von Chŏngsindae beteiligt gewesen zu sein. Diese Taten sollen beispielsweise in einer Knopffabrik auf der koreanischen Insel Cheju statt gefunden haben. Die spätere Befragung der Bevölkerung ergab jedoch, dass keiner der Anwohner sich an ein solches Ereignis erinnern konnte. Weitere Unstimmigkeiten wurden vor allem durch den japanischen Geschichtsprofessor Hata Ikuhiko aufgedeckt. Obwohl sich die vermeintlichen Zeugenberichte Yoshidas als wenig glaubwürdig erwiesen haben, führte der U.N. Bericht von 1996 dennoch seine Aussagen als „valuable „evidence“ of the „truth“ of the paradigmatic story“ an.

Als das Korean Council von dem konservativen Sozialkritiker Jee Man-wŏn dazu aufgefordert wird, den Begriff „Chŏngsindae“ in ihrem Namen durch „Wianbu“ zu ersetzen, reagiert die Organisation mit einer „signature campaign on its Web site to help support the cause of the „real“ chŏngsindae survivors“. Wie zuvor aufgezeigt, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass Chŏngsindae als Trostfrauen missbraucht wurden. Wieso fährt die einflussreichste nicht-staatliche Frauenorganisation Koreas, welche sich, wie auf ihrer Homepage formuliert, das Ziel gesetzt hat, „to educate the next generations not to repeat such barbarities again”, fort, die Begriffe Chŏngsindae und Wianbu gleichzusetzen? Mit dem Begriff „Wianbu“ ist untrennbar die Assoziation mit Prostituieren verknüpft. Durch die euphemistische Verwendung von Chŏngsindae aus Mitgefühl und Respekt vor den Überlebenden wird diese vermieden. Sarah C. Soh formuliert als weitere These in ihrem 2008 erschienenen Werk „The Comfort Women“, dass „the Korean usage of the term chŏngsindae to refer to comfort women proved to be a sociopsychologically as well as politically effective decision on the part of activists in order to highlight the deceptive and/or coercive methods used in the recruitment of Korean comfort women“. Vermutlich erhofft sich das Korean Council auf diese Weise den internationalen Druck auf Japan zu erhöhen, um die Forderungen nach Entschädigung nach vielen Jahren endlich durchsetzen zu können. Dahingehend äußert sich Professor Ahn Byung-jick bei seinem Austritt aus einem Forschungsprojekt des Korean Council, welches die historischen Hintergründe der Chŏngsindae aufdecken sollte: „The purpose of the Volunteer Corps Research Group was not to acquire a throughout grasp of the comfort women controversy for preventive reasons, but simply to make trouble for Japan“.

Im Grunde ist die Zwangsprostitution kein rein japanisches System, sondern auch heute noch in Korea, wie in der ganzen Welt, präsent (Nur ein Beispiel für unzählige Fälle von Zwangsprostitution in unserer zeit bietet folgende Quelle) Die gegenwärtige koreanische Bevölkerung scheint gern zu vergessen, dass die koreanischen Wianbu in der Tat meist durch Bürger des eigenen Landes angeworben wurden. Die Haltung des Korean Councils spielt eine große Rolle in der Formung des öffentlichen Bewusstseins, da sie den koreanischen Medien als Vorbild dient und die Gleichsetzung auch in Schulbücher8 (In einem Ausschnitt aus dem 1997 zum Höhepunkt der Entschädigungsklagen herausgegebenen Mittelschul-Textbuch für nationale Geschichte ist folgendes zu lesen: „At that time, even women were drafted in the name of chŏngsindae and were sacrifced as comfort women for the Japanese Military“. Im Mittelschulbuch wurde der Fehler inzwischen beseitigt, in Highschool-Textbüchern besteht er weiterhin.) Eingang findet. Daher ist es von großer Bedeutung, dass „South Korean activists and the media… self-critically reflect their unthinking promotion of a comforting nationalist mythology“, wenn die Auseinandersetzung mit der historischen Wirklichkeit der Wianbu über die Entschädigung der Überlebenden und dieBestrafung der Täter hinaus als warnendes Beispiel präventiv neuen Opfern geschlechtlicher Ungleichheiten entgegenwirken soll. Durch die Verwendung des Begriffs „Chŏngsindae“ wird, unabhängig von der historisch fragwürdigen Gleichsetzung, ein fester historischer Rahmen gezogen und sich von einem Vergleich mit der aktuellen Problematik distanziert.

(post written by azatoth)