Die Kulturindustrie als Retter der Kunst

In der „Kulturindustrie“ von Adorno und Horkheimer wird dargestellt, wie durch die Industrialisierung der Kultur die Herrschaft der Konzerne jeden Bereich kultureller Bildung und Ausbildung erfasst. Dies geschieht durch eine Art Rationalisierung, die zum einen die „irrationale Gesellschaft“ (146) zur Ursache hat, die durch die rationalen Klassifikationen und Schematismen erst kontrollierbar wird, und zum anderen die „Rationalität der Herrschaft selbst“ (142), durch die der Schematismus als Methode zur Kontrolle der Gesellschaft erst plausibel wird. Es scheint, als ob die Kulturindustrie an einem Verfall der Kultur und der Kunst beteiligt sei und als ob der „Kulturindustrie“ -Text diesen Verfall darstellt. Ich meine jedoch in diesem Text auch ein Moment der Hoffnung zu finden, der durch die Kultur-Industrie herbeigeführten Rettung. Kann das überhaupt sein? Kann die Kulturindustrie die Kunst retten?

Die Kulturindustrie scheint nach Adorno und Horkheimer ein im Vergleich zur traditionellen Kultur erhöhtes Maß an Stilbewusstsein zu besitzen, das sich äußert in Form einer stereotypen Übertragung der vorkommenden, aufkommenden, ja, der „noch gar nicht gedachten“ (148) Kulturbestandteile und Ideen in ein Schema, das der mechanisierten Darreichungsform von Kultur gerecht wird und den Schematismen, denen die Konsumenten, also das Publikum, ausgesetzt sind. Diese Anpassung ist, anders als man erwarten könnte, nicht unbedingt eine Vereinfachung, sondern tatsächlich eine Anpassung an einen Stil, eine Anpassung, deren Ausführung unwillkürlich erfolgt, was zeigt, wie tief das Bewusstsein des Stils schon eingegangen ist in die Köpfe der Kulturschaffenden.

Dieser Stil, das Idiom der Kulturindustrie, wird durchgesetzt durch eine scharfe Selbstzensur, die in den wenigsten Fällen bewusst ist, in allen Fällen aber das Konzept einer technisch und mechanisch produzierten und dargebotenen Kultur voraussetzt und der durch sich, durch seine idiomatische Perfektion den Versuch unternimmt, eine Natur herzustellen, die nah genug an der gesellschaftlichen Wahrheit ist, um vom Publikum widerstandslos akzeptiert zu werden und sich andererseits klar genug auf Distanz halten muss, um dem Konsumenten die dahinter stehenden Machtmechanismen zu verbergen und zu verhindern, dass diesem seine ihm von der Kulturindustrie angefertigte Klassifikationen bewusst werden.

Dieser Stil wird nicht von einer äußerlichen Gewalt einem System aufgezwungen, sondern er geht aus von einem Idiom, das durch die Allgegenwart des Einflusses des Kapitals, das des gesellschaftlichen Systems ist. Der Stil ist der Gesellschaft, auf die er trifft, natürlich. Der Stil muss sich von nichts absetzen, nicht gegen etwas arbeiten, er wird ohne Gegenwehr angenommen als eigener.

Die beiden Autoren widersprechen der landläufigen Auffassung, dass im Abendland, wohl durch eben die erwähnte Industrialisierung und Mechanisierung, die „stilbildende Kraft“ im Erlöschen begriffen sei (148), ebenso bestreiten sie die Relevanz einer Konzeption von „Stil“ als Aspekt der „guten alten Zeit“ vor der Mechanisierung als auch die positiven Konnotationen des Stils, den dieser in Zusammenhang mit diesen irrigen Auffassungen annehme. Stil habe schon immer „die je verschiedene Struktur der sozialen Gewalt“ (151) ausgedrückt, also eher die Struktur der Herrschaft als eine wie auch immer geartete Erfahrungswelt der Beherrschten wiedergegeben. Große Kunst sei stets daran erkennbar gewesen, dass sie den Stil nicht verkörperte, sondern ihn beherrschte, ihn verwendete und mit ihm brach, wenn es ihr notwendig war, denn großer Kunst sei es primär darum gegangen, eigene Erfahrung und eigenes Leiden deutlich und lesbar zu machen und Kunst als Vermittlung zu verwenden.

Große Kunst ist also persönlich. Der Stil aber stellt in jedem Kunstwerk die Verbindung her zum Allgemeinen, zur sozialen Struktur, zur Wahrheit, die bei Adorno/Horkheimer immer gesellschaftliche Wahrheit ist. Stil hat damit stets auch ideologische Funktion. Im Stil ist der Versuch des Kunstwerks verortet, eine Einheit von Individuum und Gesellschaft herzustellen.

Der Stil der Kulturindustrie muss eine solche Einheit nicht erst versuchen, denn der Unterschied hat längst eine Nivellierung von Seiten des gesellschaftlichen Idioms erfahren, diesen Unterschied, so verkündet es laut, gibt es nicht. Die Kulturindustrie ist „nur noch Stil“ (152), nur noch gesellschaftliche Wahrheit und damit entlarvt sie den Stil als gehorsam „gegen die gesellschaftliche Hierarchie“ (152). In der Kulturindustrie wird der Stil, der durch keine Abweichungen und Veränderungen und Brüche mehr seine Natur verbergen kann, zum Instrument der gesellschaftlichen Analyse und öffnet auch einen neuen Blick auf das Verhältnis von Kunst zur Gesellschaft und zur Herrschaft und zeigt, dass in ihr durch den Stil immer eine Verbindung innewohnte, das Individuum mit der Herrschaft zu versöhnen.
Den gleichen Effekt, das Entlarven einer altbekannten Erscheinung durch die von der technischen Reproduzierbarkeit angetriebenen Veränderungen dieser Erscheinung, also im Fall des Stils durch die Entwicklung eines „totalen Stils“, zeichnen die Autoren ein weiteres Mal nach, diesmal anhand der Katharsis.

Der Begriff der Katharsis beschreibt bekanntlich eine seelische Läuterung und Reinigung von den Affekten durch ein intensives Ausleben eben dieser Affekte und ist, besonders auch in Diskussionen der Tragödie, durchaus positiv, wenigstens aber neutral besetzt. Das durch die Kulturindustrie enthüllte Wesen der Katharsis besteht darin, dass sie den „äußeren Herren“ (166) Gewalt einräumt über die Innerlichkeit der Beherrschten.

Das Ausleben von Affekten, von „wilden“ Gefühlen und Wünschen, von Trauer, Liebe und Zorn „reinigt“ die Individuen so, dass sie anschließend einem geregelten Leben nachgehen können, in dessen ordnungsgemäßem Verlauf sie abweichende, extreme, unerwünschte oder einfach nur aufwühlende Gefühle gut genug unter Kontrolle haben, um funktionieren zu können. Von wem nämlich ist dieses „geregelte Leben“ geregelt, wenn nicht von einer sozialen Struktur, die immer eine Struktur der Herrschaft war. Dieses „Funktionieren“ ist also ein Funktionieren im sozialen Glied, in einer Hierarchie, an deren Hebeln die „äußeren Herren“ sitzen. Als Herrschende müssen sie sich nicht mit den anarchischen und regelgefährdenden Kräften unkontrollierter Gefühle auseinandersetzen, wenn die beherrschten mittels der Katharsis als Ventil für unpraktische Gefühle, sich selbst schon kontrollieren und diese Kontrolle als wünschenswert postulieren.

So dargestellt, scheint die Evidenz der Funktion der Katharsis überwältigend, dennoch ist dieses Wesen der Katharsis erst offenbar geworden unter dem Eindruck der Kulturindustrie, welche die Innerlichkeit „zur offenen Lüge“ (166) herrichtete, indem sie hohe Güter und Ideale durch stereotype Behandlung, durch Übersetzung in das Idiom der Kulturindustrie den Massen zuwider machte. An ihre Stelle trat das Amusement, in dessen Diensten, also in Diensten der Filmhandlung, der Stars, der Unterhaltung, des Spaßes, des Witzes alles: Liebe, Lust und Wut gestellt wird.

Das Amusement ist nicht der Spaß oder die Unterhaltung des individuellen Konsumenten sondern sie ist das verbindende Element dieses Prozesses, gleichsam der Wiedergänger jener Katharsis, ein Gefühlskompositum, das es dem Konsumenten erlaubt, für den Zeitraum des akuten Konsums gefühlsmäßig „die Sau rauszulassen“, mitzulieben in einer Schnulze, mitzuhassen in einem Boxkampf, mit dem Actionheld zu fluchen und dem Bösewicht zu zürnen, mit einem Wort: sich zu reinigen, um nach dem Konsum wieder ins Glied treten zu können, als Bürger, Konsument und Beherrschter.

Der Beherrschte ist, scheinbar, auch immer der Umworbene, selbst wenn die werbenden Parteien wenig trennen mag. Das Mittel dieser Umwerbung ist die Reklame, die jedes Produkt umgibt und somit Teil des Idioms der Kulturindustrie geworden ist, und so wie das Idiom Hinweise auf die „Verfahren der Menschenbehandlung“ (187) durch das in ihr durchscheinende Individuum gibt, so unterstützt die dem Idiom entspringende Sprache, die völlig im Sprechen aufgeht, die Beeinflussung des Konsumenten durch Reklame oder Propaganda.

Ursprünglich, sagen Horkheimer und Adorno, waren Wort und Bedeutung eng verknüpft miteinander, ein Wort bedeutete wirklich etwas, es war mehr als nur eine Bezeichnung, das Bezeichnete war ihm innerlich und wesentlich, gleichsam eingeschrieben. So konnte die Verwendung von emotional aufgeladenen Worten wie denen der Wortgruppe der Vaterlandsliebe in propagandistischen Zusammenhängen schwer aufgedeckt werden als manipulativ, denn die Worte schienen wirklich „Vaterland“, „Heimat“, „Zuhause“ zu bedeuten. Sie trugen diese Bedeutungen in sich.

Nun aber, da die Verbindung erkannt ist als eine willkürliche, gerinnen gemeinhin als bedeutungsvoll anerkannte Ausdrücke zur Formel, deren Bedeutung sich, wenn überhaupt, aus ihrer Verwendung ergibt. Das Wort „Vaterland“ ist ein hervorragendes Beispiel für ein Wort, dessen Bedeutung nicht aus dem Wort selbst, sondern nur aus dem Kontext gewonnen werden kann. Das Wort bezeichnet zwar eine Sache, diese macht aber keineswegs ihre Bedeutung aus, so sind etwa mehrere propagandistische Bedeutungen denkbar.

Die Worte werden blind und stumm was ihre Bedeutungen betrifft, sie sagen nichts mehr darüber aus, sie lassen, für sich genommen, keine anderen Befunde zu als über den einen Gegenstand den sie bezeichnen, statt dessen wirken sie nun in Form von Praktiken, wodurch die Verbreitung von Ideologien, Propaganda und natürlich auch Reklame vereinfacht wird, da die Worte nichts mehr von dem zu bedeuten scheinen, was sie mit der Welt der Erfahrungen verbunden hatte. Sie werden kälter und nehmen überall in ihrer Verwendung Reklamecharakter an. Und durch die Rückwirkung von Entwicklungen im gesellschaftlichen System auf das Idiom, die wir zu Beginn ausgemacht hatten, wird somit aus aller Reklame- und Propagandasprache umgekehrt Alltagssprache.

Nun freilich ließe sich behaupten, dass all die aufgeführten Veränderungen eher ein Zeichen von kulturellem Verfall denn einer guten Entwicklung seien, welcher Art auch immer. Man übersähe jedoch die Wendung, die alle drei Veränderungen ermöglichen in Bezug auf die Erkenntnis von Einflüssen auf die Beherrschten und auf die Aufrechterhaltung von herrschaftlichen Strukturen mittels der Sprache. In allen drei Fällen enthüllte die extreme Entwicklung von sprachlichen Mustern die Machtstrukturen und die Manipulationsmöglichkeiten, die immer schon in der Sprache gelegen hatten, die jedoch immer übersehen worden waren. Erst die von der Kulturindustrie herbeigeführten Änderungen, deren entscheidende darin bestand, dass die verhüllenden Trennungen von Individuum und Allgemeinheit durch die Allgegenwart der Konzerne aufgehoben wurden und Strukturen, die zuvor nur im Kleinen sichtbar waren, in ihrer Wirkung im Großen offenbar wurden.

In diesen Erkenntnissen sehe ich einen entscheidenden Fortschritt, die Hoffnung einer Kunsttheorie, einer Ästhetikkonzeption, in der die Einflüsse klar liegen, in der die Kunst und die Macht offen getrennt liegen, die nicht mehr Herrschaft perpetuiert. Die Möglichkeit ist eröffnet, eine Kunsttheorie zu entwickeln, die „Kunst“ von „sozialer Struktur“ trennt, die das Moment reiner Kunst darzustellen vermag, ein Moment, dessen Notwendigkeit bislang verborgen blieb, das nun aber zu Tage tritt.

Ja, die Kulturindustrie, so könnte man die Eingangsfrage aufnehmen und beantworten, rettet die Kunst, sie rettet die blinde Kunst vor sich selbst, indem sie mit der Vergrößerungslinse des totalen Stils, des kulturellen Idioms, alle ihre Schwächen aufdeckt und so den Weg freimacht für eine Erneuerung.

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2 thoughts on “Die Kulturindustrie als Retter der Kunst

  1. Ich finde den Artikel sehr interessant, jedoch das Ende scheint etwas zu kurz gekommen zu sein.
    Meiner meiner Meinung nach könnte er noch etwas deutlicher ausgedrückt werden.
    Besonders der Satz “Erst die von der Kulturindustrie herbeigeführten Änderungen, deren entscheidende darin bestand, dass die verhüllenden Trennungen von Individuum und Allgemeinheit durch die Allgegenwart der Konzerne aufgehoben wurden und Strukturen, die zuvor nur im Kleinen sichtbar waren, in ihrer Wirkung im Großen offenbar wurden.” erschliesst sich für mich nicht ganz aus den vorhergehenden Erläuterungen.

  2. Nicht?
    Ah dann hab ich was falsch gemacht. Dieser satz faßt ja quasi den vorausgegangenen essay zusammen. richtig murks am ende ist imo vor allem der vorletzte absatz. “das moment reiner kunst” *lach*
    ich frag mich was ich mir dabei gedacht habe.
    der angemahnte satz wird in z.T. auch vom letzten absatz nochmal erklärt, in deutlicherer weise.

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