Schrift und Vorurteil

Die Schrift, oder anders: die Schriftlichkeit, hat ihre Bedeutung sowohl für Gadamers hermeneutisches Konzept, wie es in „Wahrheit und Methode“ dargestellt ist, als auch für Derridas dekonstruktivistischen Ansatz der différance. In ihrer Bewertung der Schrift unterscheiden sich die beiden Heideggerschüler (wobei jedoch nur Gadamer ein Heideggerschüler im engeren Sinn ist) jedoch fundamental.

Bei Gadamer ist die Schrift dem verstehenden Bewusstsein hierarchisch klar untergeordnet, schließlich ist die Schrift nur der geronnene, der festgeschriebene Sinn, der vom verstehenden Bewusstsein erst wieder in Sprache, in „die Sphäre des Sinns“ (S. 268) zurückverwandelt werden muss. Denn die Schrift ist auch, und das ist noch wichtiger, dem Sinn nachgeordnet, sie ist ein Aufschreiben des Sinns, ein Hilfsmittel, das den Sinn, die Mitteilung, den Text über die Jahrhunderte zu dem Leser, dem verstehenden Bewusstsein also, bringt. In dem anschließenden Prozess des Verstehens verschwindet der Text, denn eigentlich ist gar nicht er der Träger der Mitteilung, sondern die „Kontinuität des Gedächtnisses“.

Gadamers Konzeption der Schrift folgt der christlichen Trennung von Geist und Buchstabe, wobei, wie wir gesehen haben, eine klare Bevorzugung des Geistes vorliegt. Man hat den Eindruck, es werde von Seiten Gadamers bedauert, dass man den Umweg über die Schriftlichkeit überhaupt nehmen müsse: am liebsten wäre es ihm, wenn man eine direkte Sinnübertragung erreichen könnte. Da dies aber nicht möglich ist, nimmt man die Unannehmlichkeiten der Schrift hin und entwickelt eine Hermeneutik, um den Geist wieder aus dem Gefängnis des Buchstabens, oder um das Wort Gottes vom genauen Wortlaut (wobei sich nicht auf das gesprochene sondern auf das geschriebene Wort bezieht, der Wortteil ist also etwas irreführend) zu befreien.

Es ist also anzunehmen, dass Gadamers Einstellung zu Schrift Auswirkungen hat auf seine Hermeneutik. Zunächst einmal ist festzustellen, dass durch ein Verständnis der Schrift als geronnenem Sinn der Gegenstandsbereich der Gadamerschen Hermeneutik, also ein Verstehen des Sinns oder der Mitteilung, die sich in den Klauen der Schrift befinden, bestimmt wird.

Wenn das Verständnis des Textes aus dem erfolgt, was verstanden wurde, was folglich im Bewusstsein, das hierarchisch dem Text, also der Schrift übergeordnet ist, wieder hergestellt wurde, nachdem es in der Schrift eingefroren war, sind Vorurteile legitim, da man sich innerhalb der erwähnten „Kontinuität des Gedächtnisses“ bewegt.

Gadamers Hermeneutik ist also der Versuch, den in Büchern und anderen Schriftstücken verschütteten, geradezu verloren scheinenden (aber dennoch stets präsenten!) Sinn wieder auszugraben, wie ein Artefakt aus dem Eis aufzutauen und ihn wieder in die Welt zu bringen, in die Welt des Sinns, des Verstehens, der vergeistigten Welt, dorthin, wo das verstehende Bewusstsein anzutreffen ist, das in seine höchste Souveränität der Schriftlichkeit gegenüber tritt, da es so am meisten Distanz hat zum Objekt des Verstehens, hier ist der Prozess des Entzifferns und Verstehens am ungestörtesten. Bei Nichtschriftlichem handelt es sich um eine viel weniger klare Beziehung, die eher bestimmt ist von einem Deutungsvorgang als von dem klar bezeichneten Verstehen, mit dem das Bewusstsein der Schrift gegenüber in sein Recht tritt.

Ist für Gadamers Theorie ein christliches Verständnis von Schrift und dem Buchstaben entscheidend, ist es entsprechend bei Derrida ein jüdisches, das Wert auf das geschriebene Wort legt und in der Dichotomie Geist vs. Buchstabe tendenziell dem Buchstaben Vorrang einräumt gegenüber dem Sinn, verständlich also, dass Derridas erster Satz seines Aufsatzes „Die différance“ lautet: „Ich werde also von einem Buchstaben sprechen.“ (31)

Nicht nur von einem Buchstaben spricht er im daraufhin folgenden Text, sondern eigentlich von der Schriftlichkeit als solcher. Glaubt Gadamer noch, dass ein Text in gesprochene Sprache zurückgeführt werden muss vom verstehenden Bewusstsein und damit, dass die gesprochene Sprache, die nur noch gedeutet werden muss, dem Sinn näher ist, bzw. dem Geist, da sie ja nicht mehr vom Buchstaben gefesselt wird, fordert Derrida eine Abschaffung der Trennung von Lautbild und Schrift und der damit einhergehenden Bevorzugung des Lautbildes.

Bei Derrida „überwacht“ (33) der Text die Rede: die différance, für die sinnbildlich die Änderung im Schriftbild steht (aus dem des französischen Wortes wird ein , das u.A. den aktiven Aspekt des Vorgangs der différance darstellt, die ja kein Zustand ist sondern ein beweglicher Prozeß), bleibt stumm. Sie kann nicht gesprochen werden.

Diesen Unterschied allerdings sieht auch Gadamer, deshalb ist es ja in seiner Theorie eine „Deutung“, die der Zuhörer vornehmen muss und kein einfaches Verstehen, das ihm einfach zufällt. Der Gegenstand hermeneutischen Verstehens ist und bleibt die Schrift, einer Hermeneutik Gadamerscher Prägung wäre diese Änderung also nicht entgangen.

Nun liegt aber der gravierende Unterschied darin, dass die différance auch „die Ebene des Verstandes übersteigt“ (32). Nicht nur lässt sie sich vom Gehör nicht vernehmen, auch Gadamers „verstehendes Bewusstsein“ vernimmt die différance nicht, denn die différance ist dem Unbewußten (nicht: Unterbewusstsein!) insofern ähnlich, als dass sie nicht erscheint, sondern nur als nicht vorhandene Spur das Verstehen sozusagen „lenkt“, ohne dass dem Leser dieser Vorgang bewusst ist.

Derrida bestreitet die Existenz eines letzten Signifikats bzw. einer letzten Wahrheit, oder einer, um es mit Gadamer zu sagen, Kontinuität des Gedächtnisses, die von der Schrift losgelöst wäre, es gibt nichts außerhalb der Schrift, was die Schrift bestimmt. Die différance kommt von innerhalb der Schrift und sie verbleibt darin, sie ist eine Dynamik, die die Begriffsbildung bestimmt, aber sie ist eine Dynamik ohne telos, also ohne Ziel, auf das sie hinarbeiten würde, ein Aspekt, der leicht einzusehen ist, akzeptiert man, dass es keine letzte Wahrheit gibt, sondern dass alles von einem ziellosen Spiel innersprachlicher Differenzen bestimmt ist, die Bedeutung nicht trotz, sondern wegen der ihnen innewohnenden Widersprüche zustande bringen.

Unter diesem Blickwinkel kann man wieder die Frage nach Gadamers Vorurteilen aufwerfen. In Gadamers System sind sie, wie wir gesehen haben, legitim, ja unverzichtbar für das Verstehen. Nach der Derridalektüre müssen wir allerdings die Frage stellen, ob nicht die Grundlage der Verteidigung der Vorurteile bereits ein erstes Vorurteil ist, der Sündenfall sozusagen, nämlich die Privilegierung des Geistes gegenüber dem Buchstaben.

Wenn man diese Hierarchie nun aber ablehnt, so zeigt sich, dass Vorurteile trotz aller Rehabilitierungsbemühungen von Seiten Gadamers doch nur Vorurteile im negativ konnotierten Sinn der Aufklärung sind. Sie entstammen nämlich einem fälschlicherweise angenommenen Konzept der „Wahrheit“, die über dem Text steht und zu deren Verständnis man Verstehensentwürfe macht. Aber wenn das Verstehen nur aus einem Spiel der Differenzen erwächst, das wiederum beschränkt ist auf die zu lesende Textpassage und nicht „exponiert“ (32) werden kann, sondern im Text verbleibt, gibt es nichts, worauf man einen Entwurf aufbauen könnte, der nicht, einmal mit dem Text selbst konfrontiert, kläglich zusammenbräche. Alles was von dem Entwurf bliebe, wären Vorurteile.

Was aber ist denn nun die Schrift genau? Schrift bei Derrida ist eine Art scheinbarer Ersatz für das Gegenwärtige, den Sinn oder die Mitteilung, die aber nie gegenwärtig ist, die nicht existiert als Entität, der eine Illusion ist, deren Wahrer und Träger und Spurenleger eben diese Schrift ist, die immer dann bemüht wird, wenn wir diesen Sinn, diese Mitteilung nicht erfassen können, also in einem Gadamerschen Verständnis nicht verstehen können, wir, die Leser, bekommen den Sinn nicht in die Finger, statt dessen verwenden wir einen Ersatz, die Schrift nämlich und sie ist alles was uns bleibt, denn sie ist ein falscher Ersatz, es ist nichts an Wahrheit einzutauschen gegen sie.

Man könnte einwenden, es sei doch nicht alles geschrieben, man rede doch auch. Entgeht man durch das Reden dem Zwang, Schrift als Scheinersatz verwenden zu müssen? Kommt man so direkt an den Sinn? Auch dieser Versuch wird misslingen, denn da die différance, als Grundprinzip der angewandten Sprache sozusagen das Sprechen und die Schrift vereinigt in sich, setzt sie eine nicht-ursprüngliche -vergessen wir nicht, es gibt keinen Ursprung und keine letzte Wahrheit, nur ein zirkuläres Spiel der Differenzen- Urschrift voraus. Urschrift statt Urrede deshalb, weil die Regeln der différance, das vielgenannte Spiel der Differenzen, stumm bleibt, ihre Regeln also die der Schrift und nicht die des Sprechens sind.

Die Auffassung der Schrift als eines Ersatzes für eine Gegenwart, derer man nicht habhaft werden kann, widerspricht fundamental der Vorstellung eines Sinns, wie sie von Gadamer vertreten wird, eines Sinns, der in der Schrift eingefroren ist, dessen Gegenwart also ständig vorausgesetzt wird, wobei der Hermeneutik nur die Aufgabe zukommt, den Sinn zu befreien.

Folgt man Derrida, ist die ganze Hermeneutik einem Vorurteil aufgesessen, auf dem sie sich gründet, dem der Präsenz nämlich, der Illusion eines anwesenden Sinns. Ganz grundlegende, ja scheinbar banale Bestimmungen wie der Gegenstandsbereich der Hermeneutik zerrinnen unter den wachsamen Augen Derridas zu bloßen Kulissen: man sucht an der richtigen Stelle, aber das, was man sucht, ist dort nicht mehr oder noch nicht zu finden.

Dass die Hermeneutik aber dennoch an der richtigen Stelle nachsieht ist eine interessante Parallele zwischen den beiden Theoretikern, die doch so entgegengesetzt scheinen. Beide kaprizieren sich auf die Schrift und das Moment des aufgeschobenen Sinns, das der Derridaschen Schrift eignet, ist dem zu Schrift geronnenen Sinn Gadamers nicht unähnlich, der auch nicht ohne weiteres zugänglich ist, sondern erst aus der Schrift gelöst werden muss durch hermeneutisches Verstehen.

Bei genauer Betrachtung ist es tatsächlich eben dieses Vorurteil, das Vorurteil der Präsenz, das die Methode Gadamers in eine andere Richtung leitet: indem er annimmt, dass er den Sinn einfach herauslösen kann, übersieht er die Kette der Verweise, die die Schrift darstellt, welche er untersucht, und übersieht ferner, dass es kein Ziel gibt, worauf sie verweisen, sondern dass es ein unendliches Spiel mit Verweisen und Spuren ist, die zu einer unendlichen Zahl von Verstehensmöglichkeiten gelegt werden, die man aber nie erfassen kann.

Eng verbunden mit dem Vorurteil der Präsenz ist die zweite Schwäche der Hermeneutik, dass sie nämlich ein „verstehendes Bewusstsein“ voraussetzt. Begriffe sie die Gegenwart als nicht präsent, müsste sie auch das Bewusstsein neu überdenken, das doch „lebendige Gegenwart ist“ (45), oder, in Gadamers Idiom, sich auf der Ebene der vergeistigten Welt, des Sinns befindet. Es ist nun leicht einzusehen, dass im gleichen Moment, in dem der Sinn als unerfassbar, ja als abwesend, fällt, fällt das Bewusstsein, in seiner Eigenschaft als das den Sinn begreifende, mit ihm.

Es gibt eine letzte frappierende Parallele zwischen den beiden Schrift- und Verstehens-Konzeptionen: die des Verschwindens. In Gadamers Hermeneutik verschwindet der Text, da er nur ein Mittel ist, den Sinn „an den Mann zu bringen“. Sobald der Sinn verstanden wird, verliert der Text seine Bedeutung, die ohnehin nur eine marginale war, im Prinzip verschwindet er im Prozess des Verstehens.

Auch bei Derrida verschwindet etwas, jedoch ist es nicht der Text, sondern die Spur, die die Struktur der différance ist, die der Kette der Verweise grundlegend ist, diese Spur also verschwindet, sobald sie erscheint, das heißt, sobald die Kette der Verweise gelegt ist, in die eine oder andere Richtung. Im gleichen Moment, da die Spur ihre Aufgabe erfüllt hat, verschwindet sie. Es ist also im Prinzip das Verschwinden bei Gadamer genau entgegengesetzt dem Verschwinden bei Derrida, denn wo bei dem einen der Sinn übrigbleibt, bleibt bei dem anderen der Text übrig als Struktur von Verweisen und Sinnersatz. Worauf dieser Unterschied zurückzuführen ist, ist bereits erörtert und klar: das Vorurteil Gadamers der Schrift gegenüber.

Die Mitteilung, der Sinn, die Gegenwart, bei Gadamer sind sie quasi die Existenzberechtigung der Schrift, die eine Hilfe bei der Überlieferung der Mitteilung ist, sie ist nicht einmal der eigentliche Träger dieser Mitteilung. Die Schrift ist demnach eine Funktion des Sinns, die Überlieferungsfunktion gewissermaßen. Diese Entsprechung ist bei Derrida eine genau umgekehrte: bei ihm wird die Anwesenheit, die Präsenz, der Sinn zu einer Funktion, die den Leser dazu bringt, der Verweiskette zu folgen.

Was ist es, dem der Leser zu begegnen sucht am Ende der Schrift, denn so weit muss er schon suchen, da die Verweiskette unendlich ist. Der Sinn. Die Mitteilung. Aber er findet nur die Spur, eine weitere Spur, die unnennbar bleibt. Das Wesen der Schrift ist nicht nennbar.

Gadamer versuchte es, er nannte das Wesen: Sinnüberlieferung. Der Versuch, den sich entziehenden Sinn in der Schrift zu lokalisieren, die Schrift aufzubrechen um das Wesentliche ihr zu entlocken und dann zu behaupten, man könne es wirklich finden, das ist das ultimative Vorurteil der Konzeption Gadamers. Und woher kommt es?

Vielleicht aus der der abendländisch-christlichen Kultur inhärenten Hoffnung heraus, Gottes Intention sei da, im Wort der Bibel. Man müsse sie nur aufmerksam lesen. Vorurteil.

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