Hazing (fee fi fo fun for me) Update II

Written about this before. Here’s the first posting
and here’s the second.

Washington Post

Attorney general nominee Michael B. Mukasey told Senate Democrats today that a kind of simulated drowning known as waterboarding is “repugnant,” but he does not know whether the interrogation technique violates U.S. laws against torture.

Mukasey, whose nomination to replace Alberto R. Gonzales has become less certain because of his refusal to offer an opinion on waterboarding, also wrote in a letter to Democrats on the Senate Judiciary Committee that he did not know if U.S. interrogators had used waterboarding because he is not cleared to receive classified information.

But, in reiterating earlier promises to the committee, Mukasey pledged to study the issue if confirmed and to reverse any legal opinions by the Justice Department that violate the Constitution or U.S. law.

“If, after such a review, I determine that any technique is unlawful, I will not hesitate to so advise the president and will rescind or correct any legal opinion of the Department of Justice that supports the use of the technique,” Mukasey wrote.

But by continuing to resist invitations to declare waterboarding illegal, Mukasey seems certain to heighten tensions between the administration and congressional Democrats, many of whom have said their votes hinge on whether the former federal judge agrees that waterboarding constitutes torture.

See also The New York Times

Waterboarding has also been a flashpoint among Republican presidential candidates. Last week, after Rudolph W. Giuliani, the former New York mayor, said he wasn’t sure about waterboarding because he thought “the liberal media” might not have described it properly, Senator John McCain of Arizona, who was tortured himself as a prisoner in North Vietnam, shot back.

“All I can say is that it was used in the Spanish Inquisition, it was used in Pol Pot’s genocide in Cambodia, and there are reports that it is being used against Buddhist monks today,” Mr. McCain said.

Elfriede

Nicole setzt sich in ihrem quietschende Bett auf, während sie darauf wartet, daß das Haus stiller wird, das nicht ihr Haus ist, oder das ihres Ehemanns, obwohl es bald ihm gehören wird, wenn Elfriede und Gunther, die Eltern ihres Ehemanns, ihre Meinung nicht wieder ändern, was allerdings nicht unwahrscheinlich wäre, da die beiden kauzigen Alten eine lange Geschichte voller Meinungsänderungen hinter sich haben, wie ihr Ehemann ihr zu erzählen nie müde wurde, Nacht für Nacht, seit zehn Jahre zuvor diese Besessenheit mit seinen Eltern und ihren Meinungsänderungen begonnen hatte, mit einem Gespräch mit Elfriede, die er auch erst seit diesem Tag so nannte, und welches eine immer weiter ansteigende Besessenheit seinerseits mit dieser Wankelmütigkeit seiner Erzeuger ausgelöst hatte, wie ein aggressives Virus, das seinen Ursprung in dem Geständnis seiner Mutter hatte, daß sie, schwanger mit ihm, eine Abtreibung gewollte hatte, daß sie und Gunther sogar beide einig gewesen waren, daß eine Abtreibung die einzige sinnvolle Lösung sei, daß jedoch eine Meinungsänderung in der tatsächlich letzten Minute, als der Arzt nämlich bereits die glänzenden Instrumente, die im Umgang mit Fleisch offensichtlich schon lange und anstrengende Erfahrungen hatten, vom Tisch, der fettig aussah und so widerlich, wie das ganze ekelhafte Haus, daß sie sich selbst dreckig fühlte, und voller Läuse, sie fühlte diese Läuse über ihren ganzen Körper kriechen und in alle ihre Körperöffnungen eindringen, Nase, Ohren, Mund und sogar -so schwor sie später- in ihr Arschloch, diese dreckigen widerwärtigen Läuse, die sie kriechen gehört habe wie eine Meute geifernder Perser, und sie war doch nur eine einzige, hier gegen diese erdrückende Übermacht, und sie fing schon an, die Lausarmee zahlenmäßig zu schätzen und kam auf eine schwindel- und ekelerregende Zahl, obwohl Gunther ihr später immer wieder versicherte, daß es keinerlei Läuse in diesem Haus gegeben habe, das er als ohnehin recht sauber empfunden habe, während sie da auf dem Operationstisch gelegen und sich mental darauf vorbereitet hatte, daß man ihr nun das Kind aus dem Leib kratzen würde, als nun der Arzt seine Instrumente hochhob, kroch ihr mit einem Mal ein Gestank von etwas Verwesendem in die Nase und blieb darin sitzen, sie schrie daraufhin laut genug, um einen Vogel auf dem Dach des niedrigen Hauses so zu erschrecken, daß er vom Dach herunterfiel bevor er krächzend davonflog, aber das Krächzen wurde übertönt vom Schmerzensschrei des Arztes, davon ausgelöst, daß Elfriede nicht nur geschrieen hatte, sondern auch die scharf aussehenden Instrumente aus der Hand des Arztes getreten hatte, mit so einer Wucht, daß sie alle Finger an seiner Rechten irreparabel gebrochen hatte, so daß er später nie wieder normal praktizieren konnte, was aber, glaubte man Elfriede, eine gerechte Strafe dafür war, daß er seine Läuseinvasoren auf seine armen, nichts ahnenden Patientinnen hetzte, wohl, damit er sie nicht selbst füttern mußte, mutmaßte sie, daß also einzig eine Meinungsänderung mit den Instrumenten in gefährlicher Schwebe über ihrem Körper zur Geburt ihres ersten und einzigen Sohnes geführt hatte, dem sie fortan innig zugetan war und noch Jahrzehnte später, ohne ihm je von diesen Ereignissen erzählt zu haben, mit Gruselgeschichten über einen einarmigen Mann mit glänzenden Messern erschreckte, der Läuse in einer Kiste unter seinem Bett hielt, und sie stets herausließ, wenn ein argloser Wanderer des Weges kam, wobei in ihren Geschichten die Läuse den Arzt für diesen Dienst bezahlten, mit Goldstücken, die sie wundersamerweise an Unrat statt absonderten, denn “die Reichen laben sich immer an den Armen, das ist die einzige Möglichkeit so eine ungeheure Menge an Geld zu verdienen” sagte Elfriede an dieser Stelle immer, eine Moral, die ihn immer eine Heidenangst verspüren ließ, wenn er später seinen Onkel traf, der reicher als Rockefeller war, was keine Übertreibung ist, denn er war tatsächlich reicher als Rockefeller, was er wußte, da sein Onkel ein Pedant war, der sein Geld genau zählte und sich danach ausrechnete, wieviel Geld Rockefeller heute gehabt hätte, alle Faktoren und Zinsen eingerechnet, und daher einmal im Jahr, bei seinem obligatorischen Weihnachtsbesuch, ausrief, daß, jawohl, er mehr Geld besaß als Rockefeller, woraufhin alle kamen und gratulierten ihm zu seinem unglaublichen Vermögen, von dem sie selbstverständlich alle einen Batzen hinterlassen bekommen wollten, gratulierten, alle, das heißt, außer Nicoles Ehemann, der nicht kam und nichts wollte, er war zu sehr beschäftigt damit, ängstlich auf dem Dachboden zu kauern, bis die laute Stimme seines Onkels außerhalb des Hauses vernehmbar war, was stets ein untrügliches Zeichen dafür war, daß er im Begriff war, das Haus zu verlassen, jedoch kam er erst hinab, wenn er sich vollkommen sicher sein konnte, daß sein Onkel fort war, und alles in allem war dies ein Verhalten, von dem keiner vermutet hätte, daß es mit einer erheblichen Erbschaft vom Blutvermögen (so nannte es Nicoles Ehemann) seines Onkels belohnt würde, und obwohl er eigentlich wußte, daß seine Angst und sein Ekel diesem Geld gegenüber auf bloßem Aberglauben und Kindheitsängsten beruhte, rührte er keinen Pfennig dieses Geldes an und verbat auch Nicole, dieses Geld auszugeben, was deshalb besonders schwer war, weil sie ziemlich arm waren, zumindest verglichen mit Elfriede und Gunther, die Nicole immer wieder erzählten, daß deren finanziellen Nöte nur ihre eigene Schuld waren, da sie, in den ersten Jahren nach der Geburt ihres Kindes, das heute sieben Jahre alt ist, nicht zuhause bleiben wollte, und ihren Ehemann somit -nach Ansicht seiner Eltern- dazu zwang, wegen ihrer Kapricen seine Karriere zu opfern, ein Angriff, der auf zugleich ruhige und so tückische Art und Weise erfolgte, daß man ihn schlecht hätte zitieren oder das alte Ehepaar auf einen bestimmten verleumderischen Aspekt hätte festnageln können, und sie hätten diese stichelnden scharfen Angriffe auch noch jahrelang wöchentlich weiter betrieben, da Nicole ihnen niemals Widerworte gab, nicht geben konnte, wenn es nicht diesen Streit gegeben hätte zwischen ihnen und Nicoles Ehemann, als er erfahren hatte, daß er um ein Haar nicht geboren worden wäre, der für eine kurze Zeit, bis seine Besessenheit voll von ihm Besitz ergriffen hatte, ein wenig Ruhe in ihren Haushalt hatte einkehren lassen, obwohl sie Elfriede und Gunthers Enkelkinder diesen nicht fernhalten konnten, weshalb sie neun Stunden quer durch Deutschland fuhren einmal im Jahr, jedoch niemals zu Weihnachten, da das, wie wir wissen, die Zeit war, in welcher, vor vielen Jahren zuvor, der reiche Onkel seine arme Verwandtschaft zu besuchen pflegte, und ihr Ehemann konnte es nicht ertragen, an den Festtagen im Haus seiner Kindheit zu sein, also kamen sie am Karfreitag, stets hatten sie ein halbes Dutzend Koffer im Gepäck, und stets erwarteten seine Eltern sie auf der Türschwelle, wobei der große fette Guntherer seine Pranke nach ihnen ausstreckte als wolle er sie packen wie Bären nach Lachsen im Flußwasser packen, und hinter ihm stand stets Elfriede, weiß wie ein Geist und fragil wie ein uraltes Manuskript, welches man zu lange der Welt ausgesetzt hatte und genau wie diese Manuskripte ist Elfriede voller Worte und genau wie diese geht sie kaum noch in die Welt hinaus, sie muß im Trockenen bleiben, hinter schweren Gardinen und umsorgt, eine Frau, von der niemand erwartet hätte, daß sie solch eine scharfe Zunge schwingt und so eine ungeheure Menge an Verachtung für irgendwen haben könnte, wie sie Elfriede für Nicole hatte, und es war wohl genau dieser Hass, der sowohl Elfriede als auch Gunther davon abhielt, Nicole auch nur in die Augen zu blicken, weil sie natürlich immer noch wütend waren nach all den Jahren, obwohl Nicole sich damals, viele Jahre zuvor, um einen Ausgleich bemüht hatte und ihnen erklärt hatte, daß sie als Ausländerin diese Stelle unbedingt hatte annehmen müssen, daß sie das Gefühl gehabt hatte, sich in dieses Land hineinarbeiten zu müssen, daß sie nicht hatte bei dem Kind zuhause bleiben können, denn alle wege in dieses seltsame Land wären ihr mit einem Mal versperrt gewesen, und unter gar keinen Umständen wäre es ihr möglich gewesen, das Kind auszutragen, als sie, noch früher, das erste Mal schwanger war, da Nicole und ihr Ehemann damals gerade erst von der Universität kamen, Gott, sie waren selbst noch Kinder gewesen, aber seine Eltern hatte es damals nicht interessiert und es interessiert sie heute immer noch nicht, und deshalb sitzt Nicole jetzt kerzengerade in ihrem Bett, wie ein Hase, der wartet, daß der Fuchs vorübergeht, kaum atmend, da sie nicht möchte, daß Elfriede sie bemerkt, also wartet sie und wartet, wie in Todesangst, vielleicht wegen diesem immer wiederkehrenden Traum, den sie hat, wann immer sie zu Besuch kommen, ein Traum, in dem sie das Haus seiner Eltern sieht, in einem kränklichen Minzton gestrichen, aus dem Blut rinnt und sie sieht, wie sich das Blut in einer großen Pfütze unter dem größten Baum im Vorgarten sammelt.

Islamofascism (bits and pieces)

Prompted by a new piece by Eboo Patel who tends to make mostly correct statements in ridiculously short postings in his portion of the great Washington Post On Faith blog (a treasure trove)on Islamofascism awareness week, this. First the quick definition of the wiki entry

Islamofascism is a controversial neologism suggesting an association of the ideological or operational characteristics of certain modern Islamist movements with European fascist movements of the early 20th century, neofascist movements, or totalitarianism.
The word is included in the New Oxford American Dictionary, defining it as “a controversial term equating some modern Islamic movements with the European fascist movements of the early twentieth century”. Critics of the term argue that associating the religion of Islam with fascism is offensive and inaccurate.

Second the relevant portion of Patels text

What would you think if I told you every high school kid in baggy pants was a drug dealer?
Or every woman wearing lipstick was a prostitute?
How about that every black man on the street was getting ready to rob you?
Or every Italian guy was a mobster?

Then you should be equally offended by IslamoFascism Awareness Week because it employs the same twisted logic as the revolting statements above and its objective is equally ugly: every time you see a Muslim, the organizers of IslamoFascism Awareness Week want you to think “terrorist”.

One of the founding fathers of my country, Thomas Jefferson, had enough respect for Islam and Muslims that he owned a copy of the Qur’an. Another one of my founding fathers, Benjamin Franklin, declared that the pulpit of a hall he helped build in Philadelphia would be open to a Muslim preacher.
The America that I love faces real threats from terrorists. Too many of those terrorists call themselves Muslims. Victory requires that we focus like a laser beam on these enemies.

Third, here’s a link to a good article against Islamofascism Awareness Week.

Finally, as the warped idea of Islamofascism seems to take hold mostly in the poor minds of those who think that nowadays it’s valid to equate Islam with Islamism I recommend READING. Books would help but they are often difficult to come by in dumbland, so the Internet can be of help as well. Daniel Pipes in particular, who has defended highly questionable ideas such as racial profiling, offers nice bits of counterargument against embracing the benighted idea of islam=islamism.
For instance here

“Moderate Unicorns,” huffed a reader, responding to my recent plea that Western states bolster moderate Muslims. Dismissing their existence as a myth, he notes that non-Muslims “are still waiting for moderates to stand and deliver, identifying and removing extremist thugs from their mosques and their communities.”

It’s a valid skepticism and a reasonable demand. Recent events in Pakistan and Turkey, however, prove that moderate Muslims are no myth.

In Pakistan, an estimated 100,000 people demonstrated on April 15 in Karachi, the country’s largest city, to protest the plans of a powerful mosque in Islamabad, the Lal Masjid, to establish a parallel court system based on Islamic law, the Shari‘a. “No to extremism,” roared the crowd. “We will strongly resist religious terrorism and religious extremism,” exhorted Altaf Hussain, leader of the Mutahida Qaumi Movement, at the rally.

Also, for those who can read french, it’s an option to consider Mohamed Sifaoui, writer, journalist, muslim and declared secularist who writes books against forms of radical Islam, who fought for Charlie Hebdo’s right to print the damn caricatures (I still think printing them in Germany was unconstitutional but well, trust German courts to uphold the flag of whiteness, er, free speech), but who’s a rather stupid man, well that doesn’t change much, does it.

Today, in a lucid review of The Long Struggle Against Islamofascism by Norman Podhoretz, Kakutani (whom I tend to criticise from time to time) wrote something which, as does Mr. Podhoretz’ book, relates to this posting’s topic

For that matter, Mr. Podhoretz lumps together Muslims opposed to the United States, a “two-headed beast” of “Islamofascism,” whose objective he says is “to murder as many of us as possible” and destroy “the freedoms we cherish and for which America stands.” Such characterizations not only try to draw parallels between radical Muslims and the Nazis, but also gloss over the many schisms and conflicts within Islam that have pitted Shiites against Sunnis, Iranians against Iraqis, religious fundamentalists against more secular Baathists.

Ghostwriting

This is from a review of Robert Harris’ new novel.

Citing a real handbook on ghostwriting by Andrew Crofts, it demonstrates some entertaining tricks of the trade. A good ghost, for instance, supplies his or her own memories, because the famous person may have been too busy being successful to recall anything. When concocting Lang’s childhood appearance in a Christmas pageant, the ghost researches which real pageants were put on in the place where Lang lived as a boy. Then he gives the ex-prime minister a choice of roles. Wise man? Too much. Sheep? Wrong message. “A guiding star?” “Perfect!”

I need to get my hands (hum) on that handbook. Not the Harris book, though, which sounds perfectly awful. I got better books here.

Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft nach Peter Szondi

Ist Literaturwissenschaft wirklich eine Wissenschaft, im gleichen Sinne, wie die Naturwissenschaften es sind, oder sollte man dem Habitus des Englischen folgen, das nur von literary criticism redet, also von Literaturkritik, und das wissenschaftliche Moment der Literaturwissenschaft als reine begriffliche Fehlschöpfung und im Prinzip nicht vorhanden betrachten? Die Antwort auf diese Frage ist eng mit der speziellen Art der Erkenntnis der Literaturwissenschaft verknüpft, der philologischen Erkenntnis, die für den Unterschied zwischen ihr und den Naturwissenschaften verantwortlich ist.

Peter Szondi sieht in seinem Traktat über die philologische Erkenntnis diese im Einklang mit Schleiermachers Forderung nach einer Hermeneutik „für ein vollkommenes Verstehen einer Schrift“ (263) als „bloßes Textverständnis“ (263) an.
Dabei mag das Wort „bloß“ falsch gewählt sein, ist das Textverständnis doch nachgerade keine simple Tätigkeit, vielmehr ist es so, dass das Textverständnis die einzige Aufgabe der philologischen Erkenntnis ist, die nicht in Gebieten ihrer Schwester, der natur-wissenschaftlichen Erkenntnis wildern sollte, des logischen Deduzierens aus Beweisen.

Anders als in den Naturwissenschaften darf philologisches Wissen nie „Wissen“ im naturwissenschaftlichen und im landläufigen Sinn, also aufgeschriebenes, auswertbares und als Beweis heranzuziehendes Wissen werden.
Philologische Erkenntnis kann sich nicht auf ein statisches, griffbereites Wissen verlassen, im Gegenteil, der Prozess des philologischen Erkennens setzt eine Bewegung der gegenseitigen Abhängigkeiten voraus. Philologisches Wissen ist nämlich dynamisch, es muss immer wieder auf Erkenntnis zurückgeführt werden und durch Erkenntnis geprüft und bestätigt oder verändert werden. Philologisches Wissen kann nur bestehen, indem es immer wieder mit dem Text oder dem Kunstwerk konfrontiert wird. In dieser Konfrontation muss es immer bereit sein, im Zweifelsfalle einer Revision unterzogen zu werden.

Dieser Text, beziehungsweise: dieses Kunstwerk ist auch immer gegenwärtig, das Buch oder heute auch: den geposteten oder gespeicherten Text kann ich immer wieder aufschlagen, ausdrucken oder herunterladen, um ihn wieder und wieder zu lesen und so zu einem Verständnis zu gelangen. Auch wenn ein Exemplar des Textes verbrennt oder verloren geht oder vergilbt, gibt es den Text immer noch irgendwo. Die Aufgabe der Literaturwissenschaft ist, ihn zu finden, ihn zu lesen, zu verstehen und schließlich Erkenntnis aus ihm zu gewinnen. Mag es auch ein großer Text der Weltliteratur sein, der schon unzählbare Male Gegenstand philologischer Untersuchungen geworden ist, man hat sich nie völlig an ihm abgearbeitet, man kann nie das Buch schließen und nun das vermeintlich gewonnene und bewiesene Wissen heranziehen als Basis für Erkenntnis.

Sicher kann auch die Literaturwissenschaft nicht verzichten auf Beweise, etwa durch die Lesartenmethode, die das Erschließen des Wort- oder Metaphernsinns meint, unter Berücksichtigung anderer Worte, die in früheren Textfassungen an gleicher Stelle stehen, oder der Parallelstellenmethode, in der sich der Sinn erschließt durch andere Stellen, in denen das gleiche Wort steht, idealerweise im gleichen Zusammenhang.

Oft genug werden die durch diese Methode gewonnenen Indizien wie klare Beweise behandelt, indem die Parallelstellen in einer Fußnote oder einer Anmerkung bekräftigend aufgeführt werden: quod erat demonstrandum. So einfach verhält es sich jedoch nicht.

Diese Belege müssen ihrerseits mindestens so gründlich untersucht werden, wie die eigentlich zu interpretierende Stelle selbst. Was sagt mir denn, dass das wirklich der gleiche Zusammenhang ist? Oder, die Lesartenmethode betreffend: was sagt mir, dass der Dichter nicht zwischen der einen und der anderen Fassung einfach seine Meinung und den Sinn der untersuchten Passage geändert hat und sich aus der Änderung gar keine Konsequenz für die Interpretation ableiten lässt? Gerne wird auch aus einer, durchaus legitimen, Aussage über den allgemeinen Wort- oder Metapherngebrauch des Dichters heraus ein Ausschluss einer Deutungsmöglichkeit begründet.

Jedoch ist diese Art von Verfahren den Naturwissenschaften allein eigen. Eine philologische Untersuchung muss den zu interpretierenden Text als Individuum betrachten und nur aus Erkenntnis, die wiederum nur aus interpretierendem Textverständnis erwachsen kann ihre Interpretation begründen. Sie kann nicht verzichten auf die Belege, schließlich ist es der einzelne Beleg, aus dem sie ihre Erkenntnis schöpft, allerdings ist der philologischen Erkenntnis eine zirkuläre Bewegung eigentümlich, die die Interpretationsnotwendigkeit immer wieder auch auf die Belege ausweitet.

Man darf nicht vergessen: philologische Erkenntnis ergibt sich aus einem Textverständnis, das ein Verstehen des dichterischen Wortes meint und dem Dichter als kreativer Persönlichkeit immer wieder das Recht einräumen muss, sich im Einzelfall eine völlig neue, im Gesamtwerk einmalige Bedeutung für ein gegebenes Wort oder eine Metapher zu überlegen. Das heißt aber nicht, dass der Interpret abhängig wäre von einem „divinatorischen Funken“, wie manche Schleiermacheradepten es vielleicht fordern würden.
Im Gegenteil. Das „Verständnis“ ist ja kein „Dichterverständnis“, wie man Verständnis für eine Person haben kann, sich einfühlen kann in ihre Gedanken- und Gefühlswelt, um Verständnis für eine ihrer Handlungen zu haben. Richtig heißt es ja Textverständnis, also ein Verständnis, das aus einleuchtenden Gründen zwar den Dichter als kreative Person respektieren, das jedoch die philologische Erkenntnis auf den Text zurückführen muss und nur auf den Text.

Die angebliche Autorintention kann sogar eine Krücke für die Interpretation sein, dann nämlich, wenn sie zum Vorwand genommen wird, eine Eindeutigkeit bei einer bestimmten Metapher oder einem bestimmten Wort festzustellen und die objektiv vorhandene Mehrdeutigkeit des Wortes einfach übergeht. Die Textbelege sind zwar subjektiv und müssen auch wahrgenommen werden als subjektiv vermittelte, darin aber liegt ihre Objektivität, die einzige, die ihnen möglich ist.
Ein Text kann nicht untersucht werden auf einen ihm einfach unterstellten Sinn hin, ein Text muss befragt werden und die Erkenntnis muss dieses Fragen und die Antwort wiederspiegeln, die der Text gibt, in ihrer –womöglich- Unentschiedenheit und der ihm eigenen Färbung und Sprache. Die Erkenntnis kann nicht für sich stehen, der Text ist ihr stets komplementär.

In dieser Interdependenz muss sich die Erkenntnis an einem einzigen Kriterium messen lassen: der Evidenz, die keineswegs das gleiche ist wie ein naturwissenschaftlicher Beweis.
An dem Unterschied zwischen Evidenz und Beweis ist die Natur der ganzen Literaturwissenschaft auszumachen.
Die Literaturwissenschaft ist schlecht benannt. Durch den Begriff „Wissenschaft“ wird suggeriert, dass es hier, wie in anderen Wissenschaften um das Wissen geht, während die Literaturwissenschaft auf philologischer Erkenntnis aufbaut, die ihrerseits nicht von einem „Wissen“ im landläufigen Sinn abhängig sein darf. Kann es also Literaturwissenschaft geben? Oder handelt es sich nur um eine unwissenschaftliche Methode, wenn von philologischer Erkenntnis die Rede ist?

Bei genauerem Hinsehen aber ist die Wissenschaftlichkeit doch, strenggenommen, nicht abhängig von einer bestimmten Methode. Naturwissenschaften haben ihre Methode doch dem Gegenstand ihrer Erkenntnis angepasst: anders kann man Biologie, Chemie oder Physik nicht betreiben, als über Deduktion. Ebenso hat die Literaturwissenschaft ihre Methode ihrem Gegenstand angepasst, darin liegt ihre Wissenschaftlichkeit. Ohne die methodischen Einschränkungen würde sie der Literatur, der Dichtung, ihrem Objekt nicht gerecht, ihre Untersuchungen wären von vornherein mit Fehlern behaftet und sie selbst damit schlicht unwissenschaftlich.

Außerdem wird „wissenschaftlich“ gemeinhin definiert als Vorgehen „nach Forscherart“. Wenn aber der Prozess des Forschens bestimmt ist von einem Vorgang des „Fragens und Suchens“ (267), dann ließe sich schon daraus der nur scheinbar unüberbrückbare Unterschied zwischen den Naturwissenschaften und der Literaturwissenschaft erklären: entscheidend hierbei ist das Motiv des Fragens. Die Literatur als befragtes Objekt der Wissenschaft unterscheidet sich darin grundlegend etwa von den Zahlen, dass ihre Antworten abhängig sind von dem individuellen Text, den man befragt. Bedeutungen sind nicht ohne weiteres auf andere Texte, wie wir bei der Parallelstellenmethode gesehen haben, übertragbar, noch weniger auf Texte anderer Autoren, die zufälligerweise die gleiche Metapher, das gleiche Bild oder nur das gleiche Wort benutzt haben. Die Rose im lyrischen Werk von Paul Celan und im lyrischen Werk von Friedrich Hölderlin tragen andere Konnotationen wenn nicht sogar fundamental andere Bedeutungen. Die 5 jedoch ist immer eine 5, wenn nicht ausdrücklich etwas dazu gesagt wird. Wenn die Interpretation von Literatur evident sein muss, dann muss sie unbedingt auf solche Unterschiede Rücksicht nehmen, ebenso wie auf explizite und implizite Bedeutung.

In der Mathematik ist jede Bedeutung explizit, Änderungen der Bedeutung werden angezeigt, durch hochgestellte Zahlen, Klammern oder andere Zeichen im Umfeld der Zahl. Die Änderungen in literarischen Texten sind meistens jedoch implizit und selbst wenn es explizite Verweise gibt, etwa in poetologischen Texten, dürfen sie nicht bei ihrem Wortlaut genommen werden sondern müssen wie alle literaturwissenschaftlichen Belege ihrerseits wiederum interpretiert werden, um als philologische Erkenntnis zugelassen zu werden.

Entscheidend ist nicht die Beweisführung, sondern die Evidenz der Interpretation, sie wird damit zum Wissenschaftlichkeitsmerkmal der philologischen Erkenntnis. Wenn man die Beweisführung der Mathematik als ihre eigene Spielart der „Legitimation durch Verfahren“ ansieht, einem Begriff der Jurisprudenz, der aussagt, dass etwas schon dadurch legitimiert ist, dass das Verfahren, durch das es zustande gekommen ist, fehlerlos und legitim ist, ein Beweis, der leicht zu führen wäre, könnte man das gleiche für die Literaturwissenschaft einklagen.

Das literaturwissenschaftliche Verfahren ist nämlich nicht beliebiger als das mathematische. Auch hier gibt es ein Urteilen über „richtig“, „falsch“ und die Kategorie der Unentschiedenheit, aber statt in einem logischen Beweis sind literaturwissenschaftliche Urteile begründet in der Evidenz. Dieser Unterschied, wie bereits dargestellt, folgt aus der Natur der Literatur. Philologische Erkenntnis, die aus logischen Verfahren gewonnen wäre, wäre falsch, im gleichen Sinne, wie „2 + 2 = 5“ falsch wäre. 2 + 2 ist fast fünf, der Fehler ist ein relativ kleiner, aber er ist da. Im Vergleich dazu wird der Fehler in logischer Literaturanalyse vermutlich ein grundsätzlich verfälschtes Ergebnis erzielen.

Literaturwissenschaft ist notwendig, als die einzige Wissenschaft, die eine angemessene Untersuchung von Literatur leisten kann, aber ihre Möglichkeit ist abhängig davon, wie sie in Angriff genommen wird. Lediglich wenn sie als Tätigkeit, wie Wittgenstein es von der Philosophie forderte, gesehen wird, kann sie Wissenschaft sein, jedoch nur wenn sie das Wesen ihres Gegenstandes, die Literatur, berücksichtigt und die Konsequenzen, die dieses Wesen für die der Literaturwissenschaft eigene Erkenntnis hat, die philologische Erkenntnis.

9/11 and Feminism

In a recent book review of Susan Faludi’s new book The Terror Dream (I like her book Backlash a lot, polemical and wrong as it may be in parts)Michiko Kakutani points out its many many logical flaws, starting with

To begin with, the reader wants to ask: What disappearance of female voices? What “bugle call” to “return to Betty Crocker domesticity?” Since 9/11, Hillary Rodham Clinton has become the leading Democratic contender in the race for the White House, with a good chance of becoming the first female president in history; Katie Couric was named anchor of the CBS Evening News; and women like Lara Logan of CBS and Martha Raddatz of ABC have been reporting from the frontlines of the war in Iraq. Ms. Faludi asserts that the 9/11 widows “the media liked best” were the fragile, dependent ones, “who accepted that their ‘job’ now was to devote themselves to their families and the memory of their dead husbands.” But even she has to acknowledge that the so-called “Jersey Girls” (Kristen Breitweiser, Mindy Kleinberg, Patty Casazza, and Lorie van Auken) played “an essential role in forcing the creation of the independent 9/11 Commission,” and helped strong-arm “top White House officials into testifying before the commission.”

Kakutani does say that Faludi explains that these women were the exception to the rule but it doesn’t seem to bother her. Nor the fact that Faludi points out that in places central to the frontier myth, women have been underrepresented or excluded, as the stewardesses who boiled water on Flight 93 to throw it on the terrorists (nice nugget, there, as a fighting action it’s in conflict with the myth but broken down in its component parts, it’s actually pretty similar to women who in frintier times prepared the means with which men fought. Curious conflict there)

She writes that post-9/11 marketing efforts “had succeeded in darkening the image of the sexually liberated single woman,” even though “Sex and the City” remained a hit TV show in the years before and after the attacks.

It would have been nice of Ms. Kakutani to have recalled Backlash a little bit better and the part of it, which was itself at the time not new, but it was for the first time presented in a nationwide nonfiction bestseller (we all would love for Irgigaray and Butler to sell big but that’s not going to happen, is it), which discusses the so-called ’emptiness’ of the career woman. Much of what Ms. Faludi has written about that is admirably compatible with Sex and the City (I’ve written some remarks about that show in this short essay of mine as well)however, that show, for whatever reasons, did run out in the years when the infamous War on Terror began (does Kakutani presume that this process is exact? The second the myth begins everything is being adjusted? Those things take time), which could provide material for a neat discussion of the closeness of the show to the myth and the reason for its incopmpatibility with the similar problematic surrounding the stewardesses on Flight 93.
The most striking part of Kakutani’s criticism of Faludi’s book, as well as the most telling, is this one:

And she writes that television and other pop culture manufacturers dispensed “the consolations of a domestic idyll where men wore all the badges, and women wielded all the roasting pans,” even though high-profile shows like “Scrubs,” “CSI: Miami” and “The Osbournes,” which had their debuts in the year or so after 9/11, hardly illustrate this theory, and television has more recently seen the emergence of shows (like “Damages,” “Saving Grace” and “The Closer”) featuring feisty middle-aged heroines as tough-talking lawyers and cops.

Granted, I don’t remember enough of Backlash [and I don’t find my copy. Anybody who’s willing to buy me a new one is welcome! ;)] to retrieve from memory to what extent Faludi has understood the gender/sex divide, but what’s interesting about these new shows, as well as about Scrubs is that these shows work with a strong sense of what “masculine”/”feminine” is and of how masculine/feminine a man/woman should be to be normal, which makes shows like these hasten to show that, looking at The Closer, for instance, despite being a “tough cop”, Chief Brenda Johnson is still very feminine, she may fulfill the gender role of a man, down to her behaviour at home, but ‘deep down’ she’s still a woman, an insidious argument if I ever saw one. If that show wasn’t so enjoyable… Point is that although Faludi’s arguments abour rebuilt attitudes should not be taken too literally, these arguments are indeed forceful and they describe a troubling development.
However, Kakutani may be right about one thing.

Ms. Faludi’s overarching thesis in this book rings false too. In fact, her suggestion that the 9/11 attacks catalyzed the same fears and narrative impulses as those unleashed by our frontier ancestors’ “original war on terror,” leading to a muffling of feminist voices and a veneration of “the virtues of nesting,” runs smack up against her own “Backlash,” which suggested that similar assaults on women’s independence were being unleashed in the 1980s — a time not of war or threat but a decade that witnessed the fall of the Berlin Wall and the coming end of the cold war.

It might, after all, not be due to the horrible specter of 9/11. How people behaved in the face of 9/11 might have been due to what they were thinking all the time. Maybe it’s just that with faminism it’s as with civil rights, people no longer look too closely at what’s happening if they are so afraid some muslim Terrorists might destroy their homes and their ‘freedom’ that they don’t notice the infringement of said freedom by their own elected government and nonelected media.

Elektra II

komm schneid mich auf
mit deiner roten hand
in meiner leeren brust ist nichts mehr zu holen
vor ein paar jahren ertrank ich ein bisschen
und vieles verlor ich an das wasser
glaube an nichts mehr

komm führ mir die hand zwischen die beine
ich habe keine ruhe mehr
nie mehr kann ich still im schilf liegen
nie mehr werde ich schreien können
nie mehr: hörst du
die stimme strapazieren wozu

komm lege dich zwischen meine Beine
sonst kann ich nicht schlafen.

Carol

Nicole sits up in her creaky bed, waiting for the house to quiet down, which isn’t her house, nor her husband’s house, even though it will soon be his, if Carol and Christopher, her husband’s parents don’t change their mind once again, which is not at all implausible, because these two old birds have a long history of mindchanges, as her husband was not tiring of telling her, night after night, ever since a decade ago this obsession with his parents and their changes of minds had started and he was getting more and more obsessed, from the time on when Carol told him that they had wanted to have an abortion but changed their mind in the last minute, as the doctor was already lifting the shiny instruments up from the greasy looking table in that dirty shack which had made her feel all dirty herself and infested with lice, she had felt them crawling all over her body, enter all her orifices, ears, nose, later she even swore they were crawling up her arsehole, these dirty lice, she had heard them crawling towards her, even though the shack had been practically lice-less, as Christopher had been telling her over and over while she had mentally prepared to have that baby scraped out of her, but when a smell of something rotten had crept up to her nostrils and nestled there, she had screamed out loud enough to startle a bird on the roof of the shack and kicked at the doctor, in the course of which action she had irreparably broken all the fingers on his right hand and he had never been able to properly practice afterwards, which, according to Carol, was just punishment for letting his lice feed on the poor and frightened girl that she had been, and decades later, without having told him of the incident, Carol frightened her son with stories of a one-armed man with shiny knives who kept lice in a box beneath his bed and let them out whenever an unsuspecting traveler came by, the lice paying him in gold, which they miraculously produced in the place of ordinary feces, because, “the rich always feed on the poor, that’s the only way to make such a big amount of money”, a moral which put the fear of god in him every time he encountered his uncle afterwards, who was as rich as Rockefeller, and that’s not an exaggeration, his uncle was a pedant and he counted his money and calculated how much money Rockefeller would have had, if he had been his contemporary and, once a year, exclaimed triumphantly that, yes, he had more money than Rockefeller and everybody would come and congratulate him on his amazing fortune, because they all wanted a piece of it, except for Nicole’s husband, who was too busy cowering upstairs, waiting until the booming voice of his uncle was heard outside of the house, and he could be sure that his uncle would finally be gone, so it was surprising that Nicole’s husband inherited quite a substantial chunk of his uncle’s “blood money”, as he called it, and even though he knew, deep down inside himself, that his fear and disgust was based on superstition alone, he could not bring himself to touch that money and forbade Nicole to touch it either, which had been especially hard given their relative poverty, compared to her husband’s parents, who kept telling her that it was all her fault for not staying with the baby at home all her life, making her husband sacrifice his career for her fancy, they would have continued to attack her, in their quiet and sly way, which made their attacks hard to pinpoint, impossible to quote exactly and, thus, tough to make a reproach, if they hadn’t had that falling out with Nicole’s husband when he’d learned that he almost would not have been born, she would still be attacked on a weekly basis, so, until the obsession had set in really badly, some quiet had returned to their household, yet still, sometimes they did have to visit his parents, because they couldn’t keep their grandchildren away from them, and so they drove nine hours across Germany once each year, never on Christmas though, as that was the time when her husband’s uncle had chosen to visit his poor relations, many years ago and he couldn’t bear being in the house on that day, so they came on Good Friday, unfailingly arriving with half a dozen large suitcases, and his parents greeted them on the porch, large, portly Christopher thrusting out his hand, which had been half burnt at work, 30 years ago, when he had had a job welding beams in the large pits in East Germany, behind him stood Carol, white as a wraith, and fragile as an old book which has been too long exposed to the world, and just like that book she is full of words and the worlds created with them, and just as these she rarely steps out into the world, she has to be kept dry, behind drapes and cared for, a woman you’d never expect to have such a sharp tongue, and to harbor such an intense amount of mépris for anyone as Carol always harbored for Nicole, and because of that hate neither Carol nor Christopher ever looked at Nicole, because they were still mad after all these years, even though, years ago, Nicole had tried to explain to them that she as a foreigner needed to work herself into that new country, that she had needed to take that job and that she could not have stayed home for the kid, because all the paths which led into this strange country would have been suddenly barred to her, and under no circumstances could she have had a child that first time she was pregnant, Nicole and her husband barely having graduated from university, Jesus, they had been kids themselves, but his parents didn’t care then and they don’t care now, and now Nicole sits upright in her bed, stiff as a rabbit waiting for the predator to go by, barely even breathing, as she does not want Carol to notice her, so she waits and waits, afraid to death, maybe because of that recurring dream she has whenever they visit, in that dream she sees his parent’s house, painted in a sick mint color, leaking blood and the blood collecting in a pool under the large tree in the foreyard.

Wovon man nicht sprechen kann (Überarbeitet)

Jorge Sempruns Debütroman Le Grand Voyage, schon früh als wichtiger Teil der noch jungen Lagerliteratur erkannt, ist ein Buch, das “modern in der Form, aber bei aller Kompliziertheit doch einfach und verständlich” (Möckel 1059) ist. Seither hat Semprun verschiedene autobiographisch gefärbte Bücher geschrieben. Obwohl sich Le Grand Voyage mit der Shoah beschäftigt, “befaßt sich [Semprun] allerdings nicht speziell mit der Judenfrage” (Möckel 1055), es ist ein Roman, der aus der Perspektive eines Rotspaniers, wie man zur Zeit des Dritten Reichs spanische Mitglieder der Résistance nannte, verfasst ist. Die “Große Reise” des Titels meint eine Zugreise im Viehwagon aus Frankreich ins Konzentrationslager Buchenwald.
Der zentrale erzählerische Trick des Romans ist, daß der Erzähler von dieser Reise 16 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald erzählt und in seiner Erzählung Erinnerungen, die zu verschiedenen Zeiten abgerufen werden, intertextuelle Bezüge und politische Anmerkungen vermischt. Es ist aber nicht nur dieses Netz aus Erinnerungen und Literatur, das seinem Shoah-Zeugnis besondere Kraft verleiht, sondern auch die Lücken in dem Netz, zwischen dem Wissen und Erzählen die Unwissenheit und das Schweigen, neben der Erinnerung das Vergessen.
An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeit an. Es wird sich zeigen, daß nicht die Erinnerung der wichtigste Aspekt des Romans ist, soweit es die Shoahverarbeitung betrifft, sondern daß vielmehr das Vergessen und Schweigen die Grenzen und Möglichkeiten von Erinnerung aufzeigt. Dafür wird die Reise als dreistufige Auseinandersetzung mit Erzählen, Erinnern und Schweigen begriffen. Nachdem wir die Erzählkonstellation des Buches und ihrer Verbindung zum Erzählen nach und von Auschwitz, ihre Verbindung zum traumatischen Erzählen, dargestellt haben, wenden wir uns der Erinnerung und der literarischen Auseinandersetzung mit autobiographischer Erinnerung zu. Schließlich werden wir zu der besonderen Form der Erinnerung, die das Zeugnisablegen darstellt, kommen. Zum Schluß werden wir dem Schweigen begegnen, als Nicht-Erzählen ebenso wie als Nicht-Erinnern, und diese zwei Seiten des Schweigens, die in diesem Roman vorgestellt werden, besprechen. Es wird sich zeigen, daß das Schweigen sowohl absolut notwendig ist, als auch überwunden werden muß, soll die Shoah Teil unseres kulturellen Gedächtnisses werden und nicht vielmehr eine obskure Fußnote der Geschichte.

In der Rezeption von Le Grand Voyage wird regelmäßig auf die autobiographische Natur des Romans verwiesen, obwohl es bei genauer Betrachtung von den sogenannten autobiographischen Büchern Sempruns gerade dasjenige ist, das formal betrachtet, zumindest wenn man sich auf Lejeune bezieht, im Grunde der einzige in der Sekundärliteratur herangezogene Theoretiker, gerade nicht autobiographisch ist, “according to the minimal criteria proposed by Philippe Lejeune: the author’s name is identical to the names of the narrator and of the protagonist.” (Suleiman 137). Weder ‘Jorge’ noch ‘Semprun’ kommen im Roman vor, also kommt ein “autobiographischer Pakt” nicht zustande.
Dennoch, da “he used several pseudonyms during his years in the Resistance and in
the Communist Party, Semprun’s names have been multiple” (Suleiman 137). Der “Ich-Erzähler, der innerhalb der Handlung von den französischen Romanfiguren Gérard und von den spanischen Manuel genannt wird” (Küster 43) trägt zwei dieser Namen und außerdem, wie z.B. Küster gezeigt hat, stimmen die Biographien des Ich-Erzählers und die Sempruns “völlig überein” (43). Es wird wohl diese Übereinstimmung sein, die in der Kritik die Auseinandersetzung mit der autobiographischen Hypothese vermissen läßt, es scheint offensichtlich zu sein, daß Le Grand Voyage einen autobiographischen Text darstellt.
Die so verfahrenden Autoren verweisen jedoch recht selten auf die Tatsache, die gerade in ihrem Text- und Autorenverständnis schwer wiegen sollte, daß Semprun in späteren Werken verschiedene Details in früheren Texten in Bezug auf ihren Wahrheitsgehalt korrigiert. Semprun scheint ein unsicherer Kantonist zu sein, was die autobiographische Wahrheit seiner Texte angeht. Dies aber bedeutet, daß die Entscheidung, Romane wie Le Grand Voyage aufgrund von Übereinstimmungen einfach als autobiographisch zu markieren, von einer unsauberen kritischen Methode zeugt .

Schon Paul De Man verweist in seinem Essay “Autobiography as De-facement” (cf. De Man, Rhetoric of Romanticism, 67ff.) auf die methodischen Schwierigkeiten, die bei einer Bestimmung der Autobiographie als Genre, das sich z. B. von der Fiktion oder der Reportage klar unterscheidet, auftreten. Was ich zuvor als ‘autobiographische Hypothese’ bezeichnet habe, begründet de Man mit der “illusion of reference” (69). Gerade aber in Arbeiten, die sich mit der Shoah beschäftigen, sollte die Beziehung zwischen Fiktionen und anderen Illusionen ausreichend geklärt sein, um nicht in die Situation gedrängt zu werden, die Wahrheit der Shoah verteidigen zu müssen, gegen Angriffe, die insinuieren, daß, wer in einem Detail lügt, dies vielleicht auch in anderen, wesentlicheren Details macht.
Im Folgenden wird daher der Roman als ein fiktiver Text behandelt, in dem zwar Zeugnis abgelegt wird, aber nicht Zeugnis vom Schicksal des Schriftstellers Jorge Semprun, sondern vom Schicksal des Rotspaniers Gérard. Alle im weiteren Text auftauchenden Aussagen über Erinnerung, Zeugnis oder Erzählung beziehen sich auf den Erzähler Gérard, nicht auf Semprun.

Das gros des Romans ist in der ersten Person Singular geschrieben, es beschreibt die Zugreise Manuels, eines spanischen Résistancekämpfers der seit seinem Eintritt in eben jene Résistance unter dem Kampfnamen Gérard bekannt ist. Die Geschichte wird sechzehn Jahre nach der Befreiung von Buchenwald von Gérard erzählt, wobei dies nicht die einzige Ebene bleibt, auf der jemandem etwas erzählt wird. Die zentrale Erzählkonstellation des Romans ist in dem Gespräch zu finden, das Gérard mit einem namenlosen Mithäftling im Zug führt, der dem Leser lediglich als ‘gars de Semur’ bekannt ist. Kaplan schlägt vor, den ‘gars de Semur’ als Erfindung zu betrachten, die Gérard in seine Erzählung einführt, “because the memory of taking the gruelling journey alone would have been difficult to reconstruct without an interlocutor” (Kaplan 322). Das Gespräch ist also nicht nur ein erinnertes Gespräch, es erfüllt außerdem noch eine Funktion innerhalb der Erzählstruktur des Romans. Zu dieser Doppelbelegung von wichtigen Ereignissen werden wir jedoch später kommen.
Diese Figur des Zuhörers hat jedoch einen weiteren Vorteil für die Erzählung von Gérard 16 Jahre nach der Befreiung. In Anlehnung an modernistische Prosavorbilder wie Proust und Faulkner, stellt Gérards Erzählung eine Flickenteppich aus Erinnerung und literarischen Anspielungen dar, in dem verschiedene Zeitebenen überlappen. Es ist vorgeschlagen worden, daß ein Erzählen von episodischem Erinnern dann besonders kohärent erscheint, wenn “very personal emotive attitudes, evaluative beliefs and emotional associations of a remembered episode” (Bublitz 378) ins Spiel kommen. Aber dies ist mit einem so außergewöhnlichen Ereignis wie der Shoah nicht leicht zu erreichen. Die Einführung eines ‘echten’ Zuhörers zusätzlich zum impliziten Zuhörer, der sich aus der informellen, mündliche Rede nachahmenden Sprache des Romans ergibt, kann als ein Versuch gelesen werden, eine Ebene der geteilten Erfahrung zu erreichen, indem Gérard dem ‘gars de Semur’ nach und nach alles was ihn in die Situation brachte, in der er nun ist, kleinteilig erklärt.
Damit erklärt er dem ‘gars de Semur’ aber auch das, was gerade passiert, die Zugfahrt ebenso wie die Greuel während und die antizipierten Greuel nach der Fahrt. Im Zusammenhang mit der Traumaforschung ist ein solches Sprechen über schlimme Erfahrungen als positiver Mechanismus bekannt, der dafür Sorgen kann, daß die ‘live’ beschriebene Erfahrung nicht zu einer traumatischen Erinnerung wird (cf. Shabad 201). Diese Konstellation allerdings sorgt auch dafür, daß Buchenwald weitgehend ausgespart bleibt, eine Lücke bildet, denn das Lager, wie sich im Laufe des Romans herausstellt, kann er niemandem mehr erzählen, d.h. verständlich machen. Es ist dann auch das Lager, das den Grundstock seiner traumatischen Erfahrung bildet. Der Erzähler klagt: “Il n’y a plus personne à qui je puisse parler de ce voyage. La solitude de ce voyage va me ronger […] toute ma vie.” (GV 165)

All dies wird mit den erzählerischen Mitteln vollbracht, die Marcel Proust zu einem Bestandteil der Weltliteratur machte . Im folgenden Unterkapitel werden ein paar der literarischen Techniken dargestellt, die zu diesen Mitteln gehören, wie von Gérard Genette in Figures III dargestellt.
So kann das Gespräch mit dem ‘gars de Semur’ und die Reise als Analepsis gesehen werden, jedoch liegt es in der Natur der Darstellung dieses Romans, daß der Leser häufig vergisst, daß es sich bei der jetzt-Ebene keineswegs um die Reise-Ebene handelt, so daß Bezüge ins Jetzt und in die Jahre nach der Befreiung dem Leser als Prolepsis, also als Vorgriff erscheinen. Beide Begriffe kann man unter dem Begriff der Anachronie zusammenfassen (cf. Genette 76-120).

Man muß nicht so weit gehen wie Edwards und Potter und sagen, daß

“reality is not a stable phenomenon that can be used to validate memories but is instead established by memories” (Lebow 12).

Jedoch ist im Roman von Semprun die Wirklichkeit, auf die Gérards
Erzählung rekurriert, nicht zu trennen von literarischen Reminiszenzen und Konstrukten, zu denen, wie oben angeführt, unter Umständen auch der ‘gars de Semur’ gehört. Die Unterscheidung von Wirklichkeit und Erinnerung soll jedoch hier noch nicht geleistet werden, das wird anderorts geschehen. Vielmehr möchte ich an dieser Stelle Erzählung, also literarische Mittel, Konstrukte und ähnliches, abgrenzen von genuiner Erinnerung, verstanden als zunächst einmal unabhängig vom ‘tatsächlichen’ Wahrheitsgehalt in Bezug auf die Welt. Diese Unterscheidung ist schon dann sinnvoll und notwendig, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, daß erinnernde Erzählungen, ihren Gegenstand, die autobiographische Erinnerung “modellieren” (Tschuggnall 58). Gerade im Fall von Gérards Erzählung ist angesichts der vielen metonymischen und symbolischen Elemente die Vermutung sinnvoll, daß der Erzähler die Reise wieder aufnimmt, nachdem er sie vergessen hat, “in order to create myth” (Haft 181).
Der ‘gars de Semur’ ist zum Beispiel unter Umständen eine erinnerte Figur, in jedem Fall aber hat er eine bestimmte literarische Funktion, nämlich den des Zuhörers in der Geschichte, der dafür zuständig ist, daß das Erlebte nicht aus der Erinnerung verschwindet oder zum Trauma wird. So ist auch die Reise, abgesehen von ihrer erinnerten Tatsache, auch eine Figur, es “is made to encapsule every element of the concentration camp universe” und “it contains within itself the camp experience” (Haft 40). Es ist also eine Figur die das darstellen soll, was der Erzähler, Gérard, zu erzählen nicht imstande ist. Im Grunde, könnte man sagen, gewinnt so das Nicht-Erzählte Konturen durch das Erzählen des sich davor und des sich danach Ereignenden. Eine andere Art dem Nicht-Erzählten eine Form zu geben stellt die Figur des Hans von Freiberg zu Freiberg dar, aber dazu später.
Ähnlich funktionieren die literarischen Anspielungen die diesen Text überfluten. Die zwei wichtigsten dieser literarischen Bezugspunkte bilden marxistische Texte und das Werk Marcel Prousts. Besonders auf das letztere wird oft zurückgegriffen. Ob es sich nun um Abwandlungen berühmter Formulierungen handelt, so wird etwa ” Longtemps je me suis couché de bonne heure” umgeschrieben zu ” Je me suis longtemps couché de bonne heure” (cf. Kaplan 325), oder um eine Parallele zwischen einer literarischen Reminiszenz und einem erinnerten Ereignis, das zu einer zentrale Episode des Romans ausgebaut wird, der Begegnung mit einer Jüdin nämlich, die Gérard nach dem Weg fragt (cf. Haft 43), oder schließlich um die sprachlichen Strukturen und Figuren wie der mémoire spontanée, die bei Semprun wie bei Proust die erzählerische Darstellung von Erinnerung bestimmt, Proust ist allgegenwärtig. Ein anderer wichtiger literarischer Bezugspunkt ist der Reisetopos, weist der Roman doch zumindest Beziehungen zu zwei anderen Reisetexten der Weltliteratur auf, zum einen zu Baudelaires Gedicht “Le Voyage” und zum anderen zu Dantes Divina Commedia (cf. Ferrán 283).
Wortspiele und Anspielungen, die weder literarische Referenz noch eigenständige Figuren sind, bilden das dritte wichtige Element im Erzählkonstrukt, das in Le Grand Voyage über das Erinnerungskonstrukt gelegt ist und sich so mit ihm verbunden hat, daß an vielen Stellen unentscheidbar ist, was Erinnerung und was erzählerische Struktur ist. In diese Gruppe gehören Ortsnamen wie das Tabou, das als Wortspiel für sich stehen kann, oder Semur, das in dem Gebiet liegt, in dem wichtige erinnerte Ereignisse situiert werden, und das sich ausgerechnet als Teil der Bezeichnung des namenlosen Gesprächspartners im Deportationszug wiederfindet. Erwähnung findet auch die Tatsache, daß Buchenwald bei Weimar gelegen ist, der Stadt, wo einige der großen Klassiker der deutschen Literatur weite Teile ihres Lebens verbracht haben, darunter Johann Wolfgang von Goethe. Die Tatsache, daß dessen Werk missbraucht wurde für völkisches Denken war sowohl zur Zeit der Fahrt, man denke nur einmal an Walter Flex, als auch zum Zeitpunkt, da Gérard die Geschichte erzählt, wohlbekannt . Und schließlich, auf dem Weg ins Lager, passiert der Zug Trier, die Geburtsstadt von Karl Marx, der seine wichtigsten Werke außerhalb der Grenzen Deutschlands verfasst hat und dessen Gesellschaftsanalyse Gérard dazu dient, sich, dem ‘gars de Semur’ und dem Leser den Faschismus zu erklären. Zusammen bildet diese Erzählschicht die über der Erinnerung liegt, nicht nur die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, sondern sie hilft auch der Erinnerung aus, denn Erinnerung ist in Le Grand Voyage kein einfacher Prozeß und das Erzählen von Erinnerung schon gar nicht.

In Le Grand Voyage ist es mit der Erinnerung keine einfache Sache. Das Projekt des Erzählers ist es zweifellos, sich zu erinnern, “refaire ce voyage” (GV 29) und jemandem davon zu erzählen. Jedoch bekommt dieser Impuls zum Erzählen, zum Erinnern, immer wieder negative Entsprechungen, so wie das stete Vergessen und das fast körperliche Unwohlsein, das im Erzähler spontan auftauchende Erinnerungen auslösen: “J’étais immobile, […] une fois encore blessé à mort par les souvenirs de ce voyage” (GV 152). Die erwünschte, vom Impuls gedeckte Sorte Erinnerung ist offenbar die memoire volontaire. Diese Sorte Erinnerung errfolgt im Allgemeinen langsam und nach und nach, und zwar in einer der Gelegenheit angemessenen Ordnung (cf. Helstrup et al. 295). Es ist vergleichsweise leicht, diese Art Erinnerung in eine Erzählung umzuformen und “present the situations and episodes such that within the reader a sensibility is created […] and hereby make him share the world of the Narrator.” (Bartsch 120). Wie man auch zum Beispiel an der Episode mit dem deutschen Soldaten sieht, sind solche Erinnerungen auch recht strukturiert und können, wie in der angeführten Episode (cf. GV 47ff.) sogar die Form eines Arguments annehmen. Diese Eigenschaft von willkürlichen Erinnerungen wird im Roman durchaus erkannt und als positiv verbucht: “Il y a une autre méthode, aussi. C’est de profiter de ce voyage pour faire le tri.” (GV 34).
Jedoch, “involuntary memories do not simply capture schematic knowledge” (Helstrup et al. 295). Unwillkürliche Erinnerungen erscheinen spontan, ohne den Willen, sie hervorzurufen (cf. Helstrup 293f.), so sagt Gérard über eine davon, daß “elle a explosé tout à coup” (GV 253). Sie sind der wichtigste Bestandteil von Gérards erzählten Erinnerungen. Es kann sogar sein, daß die als kontrolliert dargestellten Erinnerungen eigentlich nur erzählerisch aufbereitete unwillkürliche Erinnerungen sind, die deshalb bearbeitet sind, “um […] die Vorrangstellung des Geistes gegenüber dem unwillkürlichen Einbruch der Vergangenheit ins gegenwärtige Bewußtsein zu behaupten.” (Küster 53f.). Die direkte, verletzende Wirkung traumatischer Ereignisse wirkt sich auch auf die zerrissene Form des Textes, die sich in den ständigen Tempuswechseln zeigt, aus (cf. Suleiman 136).

Es ist jedoch bereits eine enorme Leistung Gérards, aus der traumatischen Erinnerung, die manche “as an underground river of recollection” (Winter 271) mit sich herumtragen, eine zusammenhängende Erzählung zu konstruieren. Paradoxerweise ist es nicht das Sprechen oder Erzählen das ihn darauf vorbereitet, sondern das Schweigen, vielmehr: das Vergessen. Das Schweigen nach dem Ereignis, das ja hier ein öffentliches Schweigen ist und noch kein echtes Vergessen “était la seule façon de s’en sortir” (GV 125). Schweigen als der einzige Ausweg, das erscheint im Zusammenhang mit der Traumatheorie, in der das Sprechen über das Trauma der beste Weg ist, damit fertig zu werden, paradox. Nun präzisiert Gérard jedoch, daß es sich nicht darum handelt, nicht darüber zu reden, sondern eher, nicht Fragen zu beantworten. Hier klingt die berühmte Antwort nach, die ein Aufseher Primo Levi gibt und die Lanzmann in seinem opus magnum Shoah übernimmt: “Hier ist kein Warum” (Levi, Ist das ein Mensch, 18). Gérard betont auch an anderer Stelle, daß seinen ehemaligen Mithäftlingen nicht geholfen ist mit Erklärungen: “[ils] n’ont pas besoin d’explication” (GV 89).
Also ist dieses Schweigen zunächst ein sich-Verweigern an die ‘üblichen’ Fragen. Andererseits macht es auch den Eindruck eines Selbstschutzmechanismus’, wobei diese beiden Konzepte schwer zu trennen sind. Schließlich beschließt Gérard sogar, bestimmte Episoden zu vergessen. Aber es ist nicht klar, ob Gérard, wenn er sagt “j’avais tout oublié” (GV 193), wirklich meint, er habe alles vergessen. Schließlich scheint er sich der Präsenz der Erinnerungen wohl bewußt zu sein, denn er vertraut darauf, daß die Erinnerungen einfach wieder zur Verfügung stehen werden, wenn er das will, “tout était là” (GV 29), schreibt er an anderer Stelle. Das ‘Vergessen’ kann also kein Vergessen im herkömmlichen Sinn sein, es ist vielmehr festzustellen, daß es sich bei dem Vergessen wohl eher um das eben beschriebene Schweigen handelt, das ein Nichtssprechen über bestimmte Aspekte oder alle Aspekte der Reise und der auf der Reise erfahrenen Greuel ist.
Wenn dies der Fall ist, dann kann man in diesen Passagen einen ersten Hinweis dafür sehen, daß das Schweigen eine Art Vergessen nach sich ziehen kann. Wenn es aber nicht plausiblerweise als persönliches Vergessen gelesen werden kann, schließlich ist der Text durchzogen von unwillkürlicher Erinnerung, dann muß es eine Art öffentliche Erinnerung sein. Die enorm häufige Verwendung von Stilmitteln wie der oben beschriebenen Prolepsis stellt dabei die verschiedenen Grade des Schweigens dar, indem ein Ereignis, das auf der Zugebene stattgefunden hat, zu späteren Zeitpunkten gespiegelt wird, außerdem wird Gérards Umgang mit diesem Ereignis dargestellt . Gleichzeitig wird durch Bemerkungen wie “il va mourir” (GV 165) die Zeitebene der Reise, die so wie sie ist, schon nicht als ‘unschuldig’ gelten kann, mit weiterer schwerer Bedeutung aufgeladen und die Ereignisse in ihrer vollen traumatischen Form gezeigt. Dies ist relevant, wenn man beachtet, daß LaCapra unterscheidet zwischen “the traumatic […] event and the traumatic experience” (LaCapra, History in Transit, 55). Das traumatische Ereignis, also die Reise kann eigentlich ohne weiteres Teil einer Erzählung werden, aber die traumatische Erfahrung läßt sich gerade nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen, also nicht in die Chronologie eines Erzählens einfügen. Gérard jedoch gelingt es durch die Anachronien, dennoch eine recht präzise Darstellung dieser traumatischen Erfahrung zu zeichnen.

Trauma, beziehungsweise das sogenannte Posttraumatische Belastungssyndrom folgt oft einem besonders emotional belastendem Ereignis. Die Erinnerung an ein solches Ereignis ist begleitet von Angst. Weiterhin gilt: “One of the […] features of this disorder […] is that the memory of the traumatic experience remains powerful for decades and is readily reactivated by a variety of stressful circumstances” (Kandel 343). Das heißt, daß das Besondere an einem traumatischen Erlebnis im Grunde eine Verschärfung der Proustschen Erinnerung ist. Das Problem in traumatischen Erinnerungen ist nachgerade nicht die Verdrängung, oder ein wie auch immer gearteter “Gedächtnisschwund”, sondern die Dauerpräsenz von Erinnerungen, die “ungewollt und beharrlich immer wieder” (Caruth 87) zurückkehren. Aus der “überwältigende[n] Unittelbarkeit und Genauigkeit der Erinnerungen” (Caruth 87) ergeben sich dann gewisse Probleme bei der Wiedergabe des Erfahrenen.
Vor allem zwei dieser Probleme sind relevant für diesen Roman. Zum einen der besondere Umgang mit Zeit, denn die sogenannte traumatische Zeit “is circular or fixed rather than linear” (Winter 75). Das bedeutet aber für den Erzähler, daß er mit der gewöhnlichen chronologischen Erzählweise brechen muß, denn das “Fortdauern der Holocaust-Zeit, die als beständig neue Zeit erfahren wird, bedroht die Chronologie der erfahrenen Zeit” (Langer 56, seine Hervorhebung). Gérard löst die Chronologieprobleme, indem er das Zirkuläre, das Wiederkehrende, mit der häufig variierten Figur der Reise zu fassen sucht, es wird die Reise nach Buchenwald zweimal unternommen, und zusätzlich eine Rückreise nach Frankreich und so weiter. Jedoch, es scheint einen Bereich des Romans zu geben, der sich beharrlich dieser Zirkularitätsthese widersetzt, das ist das vergleichsweise konventionell, mit einem traditionellen auktorialen Erzähler erzählte, zweite Kapitel des Romans. Es ist aber nun so, daß für besonders schwierige Ereignisse, deren Erinnerung besonders belastend für den Erzähler ist, eine objektivierende Erzählweise durchaus häufig ist, es “serves as a protective shield” (LaCapra, History in Transit, 70). Im Fall des vorliegenden Romans ist es die “nuit de folie” (GV 236, et passim), die nicht einmal als “vide” (GV 236) bezeichnet wird, wie die der “Nacht des Wahnsinns” direkt vorausgehenden Stunden einmal bezeichnet werden . Denn das ‘vide’ bezeichnet einfach eine Lücke in der Erinnerung, die man mit Anstrengung füllen kann, wenn auch erst nach 16 Jahren. Eine Leere, sofern nichts anderes gesagt wird, impliziert schließlich immer die mehr oder weniger temporäre Abwesenheit von etwas.
Dieses etwas ist aber, um zum zweiten Problem zu kommen, im Falle besonders traumatischer Erinnerung so belastet, daß man seine Stelle nicht einmal als Leere bezeichnen kann, denn es ist wohl, wenn wir die Natur traumatischer Erinnerungen, wie oben angerissen, betrachten, gar nichts abwesend, sondern sehr wohl anwesend. Die Schwierigkeit liegt also eher im Beschreiben als im Erinnern der traumatischen Ereignisse. Daß es aber Gérard gelingt, aus dem Bereich der traumatischen Erinnerungen, dessen Subjekt “essentially passive” ist, in den Bereich der “narrative memory” (beide Zitate Suleiman 139) zu wechseln am Ende ist wichtig, denn nicht nur ist die Trauer und das Verarbeiten ein Teil der narrative memory (cf. Suleiman 139f.), sondern eine erzählerisch glaubwürdige Distanz ermöglicht auch das Ablegen eines Zeugnisses und das damit verbundene Überwinden des Schweigens über ein historisches Ereignis.

Dies ist die entscheidende Funktion des Ankommens, denn um nichts anderes handelt es sich bei der nuit de folie, im Zusammenhang mit dem Ablegen von Zeugnis: “[l]e moment décisif qui fera d’un survivant un témoin est […] la brutale arrivée” (Nicoladzé 233). Die Funktion des Zeugnisablegens in Le Grand Voyage kann gut mit Gérards Ausruf beschrieben werden: “Mais oui, je me rends compte et j’essaie d’en rendre compte” (GV 79): es sich und anderen klar machen, was da passiert ist. Es geht, wohlgemerkt, nicht darum etwas zu erklären, das heißt, nach Ursachen zu suchen. Vielmehr handelt es sich um ein ‘einfaches’ Erzählen des Erlebten. Dies hat verschiedene Folgen, zum einen bedeutet es, daß man auch für jene Zeugnis ablegen muß, die das Lager nicht überlebt haben: “witnesses have special standing as spokesmen for the injured and the dead” (Winter 239). Auch Gérard ist sich dieser Verantwortung bewußt: “il faut que je parle au nom des choses qui sont arrivées pas au mon nom personnel” (GV 193). Wichtig ist, von dem Unglück zu erzählen, von den Toten, nicht von Gérard selbst, sagt er. In der hochemotionalen und sehr persönlich wirkenden Darstellung scheint jedoch durch, daß er die Geschichte auch deshalb erzählt, damit er selbst die Nachkriegszeit überstehen kann . (). Aus dieser Doppelbeziehung, persönliche Notwendigkeit einerseits und historische Verantwortung andererseits, ergeben sich schwerwiegende Probleme. Das bekannteste Problem des Zeugens für die Shoah wurde von Primo Levi beschrieben: die Scham.

In Levis Buch Die Untergegangenen und die Geretteten spricht er von einer Scham , überlebt zu haben. “[D]as undefinierbare Unbehagen, das mit der Befreiung einherging, [war] möglicherweise keine eigentliche Scham, aber als solche wurde sie empfunden.” (Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten, 72). Die Scham schließt zwar auch “verschiedenartige Elemente” (Levi 74) ein, aber hier wollen wir uns lediglich auf eines dieser Elemente beziehen, die Scham nämlich überlebt zu haben, während so viele andere gestorben sind. Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß bei Le Grand Voyage ein weiterer, erschwerender Problemkomplex hinzukommt:

Unlike Jews, resistance fighters were interned in the concentration camps due to acts of will rather than genetic heritage and, as grim as deportation and camp conditions were, members of the resistance were better treated and consequently had higher survival rates than Jewish prisoners. (Kaplan 328)

Nicht nur hat Gérard also überlebt während Millionen anderer gestorben sind, sondern er hatte in der Zwischenzeit auch ein angenehmeres Schicksal. Dies bleibt ihm selbst nicht verborgen, so berichtet er, daß “il y a encore une autre façon de voyager, pour les Juifs, j’ai vu cela plus tard” (GV 110). Zwar wird in diesem Zusammenhang in der Forschungsliteratur immer die Funktion der Jüdin, der Gérard den Weg zum Bahnhof zeigt, aufgeführt, als der diesem Problemkomplex entsprechende Erinnerungsteil (vgl. z.B. Kaplan 327), ich möchte aber im folgenden einen weiteren Textteil in diesem Zusammenhang besprechen.

Aus der Figur Hans von Freiberg zu Freiberg, ein deutscher Jude, der in die Résistance eintrat, um nicht aufgrund seiner Abstammung zu sterben, sondern aufgrund seiner Handlungen, ergeben sich verschiedene wichtige Verbindungen zu den zuletzt besprochenen Themen. Während der Zugfahrt, während sich die Zugfahrt im Grunde dem Ende näherte, spricht Gérard mit einem Widerstandkämpfer über seinen Freund Hans, der, während Gérard schon einsaß, mit der Nachhut einer Résistancegruppe verloren ging, womöglich aufgerieben wurde. Während der Fahrt und des Lageraufenthalts “läßt sich die Hoffnung, sein Freund könnte überlebt haben, noch aufrecht erhalten” (Neuhofer 112). Später jedoch, als Gérard auf alte Freunde trifft und auch eine Reise in das Gebiet unternimmt, in dem er und Hans zu Résistancezeiten aktiv waren, zeichnet sich ab, daß Hans wohl nicht überlebt hat. Gewissheit ist jedoch über dieses Faktum nicht zu erlangen, denn niemand der überlebenden Mitkämpfer hat Hans sterben sehen. Zuletzt gibt Gérard auf: “je réalise subitement, que nous ne retrouverons jamais la trace de Hans” (GV 213).
Aus dieser noch wenig spektakulären, wenn auch sentimentalen Geschichte läßt sich erst Gewinn ziehen, wenn wir uns die in Kapitel 2.3 dargelegte Doppelstruktur ins Gedächtnis rufen. Es wird im Text, wenn man darauf achtet, sehr stark auf das Konstrukt “Hans” hingewiesen, beginnend damit, daß der mitteilende Widerstandskämpfer nur “une voix” (GV 205 et passim) ist und ausgeweitet durch Namen wie etwa ‘Tabou’. Der entscheidene Hinweis für die Funktion von Hans als Teil der Erzählstruktur ergibt sich aus der Auflösung eines Rätsels. Während Gérard mit einem Freund auf der Spur von Hans ist, werden ihm die Umstände von Hans’ Verschwinden erzählt. Hans, als Teil der Nachhut, ging mitsamt der Nachhut, auf einem nächtlichen Marsch durch die Wälder verloren. Dies löst in Gérard eine ganz andere Erinnerung aus: “[d]epuis que le type nous a raconté leur fuite, à travers la forêt, la nuit du ‘Tabou’, j’ai l’impression que je vais me souvenir d’une autre marche de nuit das las forêt” (GV 223). Diese Erinnerung plagt ihn fortan. Dieses Rätsel wird spät aufgelöst: das zweite Kapitel des Romans, in dem die nuit de folie beschrieben wird, enthält eben diesen ‘anderen’ Marsch. Es ist der Marsch von der Verladerampe des Zugs zum Lager Buchenwald.
Durch die Parallelisierung der Juden, die zum Lager marschieren und Hans der durch die französischen Wälder marschiert, wird, neben der Bestätigung des Erfolgs von Hans’ Vorhaben, seinen Tod betreffend, eine metonymische Beziehung suggeriert, in der Hans’ Schicksal für das Schicksal der Juden stehen kann. Hans, dessen Spur sich verliert in der Geschichte, weil niemand seinem Tod beiwohnte und niemand sein Schicksal bezeugen kann. Hans stirbt nicht, er verschwindet einfach (vgl. besonders GV 221 et passim), und das stellt die Wirklichkeit seines Todes infrage, denn womöglich ist man nicht wirklich tot, wenn man sich einfach verliert (vgl. GV 232f.). Es wird so eine Frage des Umgangs mit dem Schweigen.

Das Verschwinden von Hans ist nicht das erste Mal, daß Vergessen bzw. Verschweigen als Problem, was die Beziehung Erinnerung/Wirklichkeit betrifft, vom Roman thematisiert wird. Das andere Mal betrifft die von Gérard erinnerte Episode mit einer Jüdin, an die sich besagte Jüdin nach dem Krieg nicht erinnern kann, was Gérard wiederum zur Feststellung verleitet: “si vous avez oublié, c’est vrai que je ne vous ai pas vue” (GV 114). An dieser Stelle ist das jedoch noch ambivalent, schließlich ging der Leser mit dem ‘Wissen’ um die Episode in diese Passage, was die Möglichkeit einer Deutung des Satzes als übereilt möglich macht, schließlich hat Gérard die Frau doch wiedererkannt, er kann sie sich mithin nicht völlig eingebildet haben.
Im Fall von Hans ist die Lage jedoch prekärer. Das Schweigen beziehungsweise der Mangel an Zeugnissen bewirkt das Verschwinden von Hans. Metonymisch gelesen weist dies auf die ebenso prekäre Lage der Lagerzeugnisse hin, jedoch schweigt gerade der vorliegende Roman, von kleinen Nebenbemerkungen abgesehen, vom Lagerleben. Es scheint, als ob dieses Schweigen angesichts der möglichen verheerenden Auswirkungen schwer zu rechtfertigen sei. Jedoch stellt dieses Schweigen eine kraftvolle Aussage dar, denn es macht deutlich, daß man etwas nicht aussprechen muß, um es zu erzählen.

The Holocaust as the very figure of a silence […] which our very efforts at remembering […] only reenact and keep repeating, but which a certain silent mode of testimony can translate and thus make us remember” (Felman 164)

Es geht also offenbar nicht unbedingt um ein explizites Erzählen, sondern vielmehr um ein Mitteilen. Entscheidend ist ein inneres Engagement, so wie es bei Gérard der Fall ist, als er beschließt, daß er Hans’ wahrscheinlichen Tod einfach für sich annehmen muß, damit Hans ‘sterben’ kann, er muß ihn Teil seines Lebens werden lassen (cf. GV 233).
Wenn man dieses individuelle Erinnern und Vergessen nun aber auf die kollektive Ebene hebt, denn “forgetfulness […] undoubtedly subsists in a collective version as well” (Wallace 104), dann sieht man schnell, welche Schlüsse dieses in diesem schmalen Roman erörterte Problem in bezug auf das kollektive Erinnern und Vergessen, kurz: auf das kollektive Gedächtnis, zulässt. Es geht um eine kollektive Anstrengung, ein Gedenken, durch das auch Fehlstellen in den individuellen Gedächtnissen ausgeglichen werden können. Die Vergangenheit bleibt ja ohnehin “nicht wirklich im individuellen Gedächtnis verhaftet” (Marcel und Mucchielli 200), denn das kollektive Gedächtnis ist nicht einfach ein Sammelbecken für die verschiedenen individuellen Gedächtnisse. Vielmehr bedingen sich nach Maurice Halbwachs individuelle Gedächtnisse und kollektive Repräsentation gegenseitig, so daß nur beide zusammen “wirkliche Erinnerungen” (Marcel und Mucchielli 200) produzieren. Wirklichkeit und Erinnerungen sind nur an dieser Stelle fest miteinander verbunden. Es gibt also eine Notwendigkeit des Zeugnisablegens, um das Schweigen zu überwinden, so wie Gérard sich schließlich dazu entschließen will, Zeugnis abzulegen vom Tod Hans’. Das Schweigen hat zwar, sofern es nur ein Schweigen über bestimmte Aspekte und eine nach Gründen suchende Fragestellung ist, durchaus positive, bewahrende Funktion. Schließlich aber hat sich das Schweigen als Gefahr für die kollektive Erinnerung herauskristallisiert.

Seitdem es Literatur über die Shoah gibt, gibt es auch das Problem, wie man mit dieser Entsetzlichkeit umgeht. “Holocaust writing is a literature not simply of violence but of atrocity. Atrocity is a form of violence that is capricious, unexpected, and above all, without apparent reason” (Gartland 47). Dies macht es schwierig, darüber vernünftige Literatur zu schreiben. Noch 1994 schrieb der bekannte Holocaustforscher Dominick LaCapra, er sei noch auf der Suche nach einer Sprache, mit der man das, was in den Lagern passierte und die Schlüsse, die man daraus ziehen soll, angemessen beschreiben kann (cf. LaCapra, Representing the Holocaust, 202).
Das vielbeschworene ‘Unsagbare’ hat jedoch bereits Ausdrucksformen gefunden, das Schweigen nämlich, das uneigentliche Sprechen und das Fragment, in dem oftmals beides zusammenkommt. Problematisch wird, wie wir gesehen haben, das Schweigen erst in dem Augenblick, in dem es ein Verschweigen wird. Aber dieses Verschweigen setzt ein Verstandenes voraus, das ver-schwiegen werden muß. In der Literatur über die Shoah muß jedoch Zeugnis abgelegt werden von etwas, das nicht so einfach zu verstehen ist und über das noch viel schwieriger zu erzählen ist.
Wittgenstein schrieb im Tractatus, worüber man nicht sprechen könne, darüber solle man schweigen. Das trifft auch auf den vorliegenden Roman zu. Man soll unbedingt sprechen über die Shoah, aber wenn man dies nicht vermag so soll man in andere Möglichkeiten ausweichen, wie der Roman demonstriert, kann das Schweigen eines davon sein. Es ist besser zu schweigen als nichts zu sagen, und etwas muß passieren.
Und schließlich kann man immer auch Berichte, Zeugenaussagen unter dem Aspekt betrachten, daß das “Schreiben eines Überlebenden nach dem Holocaust […] der Beweis dafür [ist], daß er über die ‘Endlösung’ gesiegt hat” (Young 69). “The literature of silence is not without a voice; it whispers of a new life” (Hassan 201), und obwohl dieser Roman nicht auf einer versöhnlichen Note endet, was bei dem Thema auch eher unangebracht wäre, steckt in der erzählerischen Kraft, die den Roman vorantreibt tatsächlich der Keim von etwas Neuem.

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Fremde Wälder (deutsch)

ich weiß nie wohin zu treten ist
welchen weg das protokoll vorsieht

fremde wälder sind bewuchert
mit launischen pflanzen

welche bäume gefahrlos besteigbar sind
ist dem wald nicht abzulesen

da gibt es keinen ausweg ich muß
einen der wege einige meter folgen

wenigstens bis zur kommenden gabelung
und führte er in die hölle

in fremden wäldern summen die gräser
eine berückende melodie

unter der rinde der bäume in einem solchen wald
kauern die verdammten

Clown (deutsch)

ich habe einen clown
gefrühstückt heute morgen

als die kälte auf das land fiel
ein sack nasser späne

ich schnitt den clown
in ofengerechte teile und

schmorte mir einen clown
die schminke liegt (anders

als man glauben könnte) mir
nicht schwer im magen

im gegenteil es hat sich
eine leichtigkeit in mich geschlichen

die kälte zog mir über den rücken
und das lachen kam

mir aus der nase
die wolken rennen über den himmel

heute habe ich einen clown
aufgegessen davon
werde ich lange zehren

Whitman (deutsch)

guten abend walt bist du schon lange da hörst
du mich atmen einmal in den boden
hinein und zurück der tiefe atem den ich
einmal stündlich atme ich atme zu
flach sagt mein arzt aber es funktioniert bist du
das walt in meinen feuchten falten bist

du das ich schlage mir dein buch gegen den kopf
die schwere ausgabe weißt du nicht leaves
of grass mein sperma klebt an meiner hand und an
der wand ich habe kopfschmerzen die welt
redet nicht mit mir kein baum und keins der blätter

all die schönen jünglinge selbst meine
eigne haut sitzt mir nur lose auf dem schädel
nachts verrutscht sie gerne mal wofür hat
man aber denn sicherheitsnadeln die verdamm-
te welt ich höre sie nicht atmen wie
hörst du das fünfundzwanzig nackte am see ich

sehe sie nicht ich war heute nacht zum
dritten mal am teich dort habe ich früher auch
mal gebadet daneben steht eine
riesige eiche ich habe damals von dort
aus einmal einem kameraden auf

den kopf gepinkelt warst du da walt der
sechsundzwanzigste ich werde unter
die anderen gezählt ich werde nicht vom glück
gesäugt ich zähle meine worte sie
kommen in den richtigen topf und unter mein
bett sie werden mich nicht überleben

ich lasse uns verbrennen einäschern du warst
nie da wenigstens jetzt, jetzt bist du hier
ich habe von deinen augen geträumt früher.
nun bist du hier willst du meinen letzten
atem hören? mich erlauschst du nicht. da musst du

lang warten. das war nicht mein letzter. Ich
habe mehr in mir. du kommst zu spät walt, weißt du.

Das Wort "Holocaust"

Wenn dagegen mit dem Begriff ‘Holocaust’ eine auch nur entfernte Verbindung zwischen Auschwitz und biblischem olah, zwischen dem Tod in den Gaskammern und der “vollkommenen Hingabe an heilige und höhere Ziele” hergestellt wird, dann kann das nur wie Hohn klingen. Dieser Ausdruck schließt nicht nur einen unannehmbaren Vergleich von Krematorien und Altären ein, sondern auch eine von Anfang an antijüdisch gefärbte Bedeutungsgeschichte. […] Wer ihn weiterhin verwendet, beweist Unwissenheit oder Mangel an Sensibilität oder beides.

Giorgio Agamben, Was von Auschwitz bleibt: Das Archiv und der Zeuge (Homo Sacer III)

On Delmore Schwartz

Schwartz, “the genius of the old partisan group” (Atlas 378) left his mark on a whole generation of poets and it is sad that this aspect of his is even less recognized than his poetic prowess (He has at least a Bollingen Prize to show for that, which makes it somehow hard to deny altogether). Lowell, whom we pegged earlier as one of the pioneers of Postmodernism, observed in interviews that he had “never met anyone who has somehow as much seeped into me”, Berryman revealed in similar interviews that he thought Schwartz was “the most underrated poet of the twentieth century” (both quotations: Atlas 378). Also, “[m]any of the new writers looked back to Delmore Schwartz [who] was known […] as a writer’s writer” (Ruland and Bradbury 336). Kenneth Koch went to Princeton in order to become a student of Schwartz’s (cf. Atlas 268) and John Ashbery notes that

of all the […] poets who have influenced me […] Schwartz is the one whose work is least known today and therefore the one most in need of elucidating for the benefit of anyone […] who might be interested in my work. (Ashbery 3)

Indeed, many elements of Ashbery’s poetry can surely be found in Schwartz’s work, but the most influential aspect of Schwartz’s poetry might well be his unconcern with dogma, without being downright rebellious in the way that Ginsberg was. Early Ashbery poems such as “Glazunoviana” or “The Grapevine” sound so Schwartzian in their structure and (postmodern) form that its easy to see the correspondence.

The poet who was most influenced by Schwartz was John Berryman, whose Dream Songs are a landmark of postmodern literature. “[T]he gullible Berryman” (Atlas 209) so admired Schwartz that he “became inarticulated in his presence and […] relied on Delmore’s advice in literary matters” (209); Schwartz was probably the first one who saw in Berryman’s early derivative poetry the promise of considerable talent, as he “did everything he could to promote [Berryman’s] reputation” (210). Additionally, the influence of Schwartz on individual poems “crucial to [Berryman’s] development” (Matterson 1) has been demonstrated satisfactorily (cf. Matterson 1ff.).

This takes us to the point where we have to consider the reasons for Delmore Schwartz’s bad standing today. If he was as influential and innovative as I claim, why is he not more famous today? Why do critics claim that “his best poetry was behind him after 1939” (Bauer, “The Figure of the Film Critic as Virile Poet”, 118), when Genesis was unwritten, as was most of the brilliant later poetry? There are several reasons for this. A particularly simple explanation might be that the rejection of Schwartz’s later poetry might be due to a reactionary strain in post-war criticism which had also tried to muffle or outright silence the poetry of the Beat poets (cf. Thurley 210f.); this reactionary strain represents a continuity of New Criticism. But Schwartz was also rejected by his friends and even by his admirers. Even as perceptive a critic as Jarrell denied the worth of Schwartz’s post-1939 poetry (cf. Travisano 20). This cannot be explained away with snobbishness.

The real problem was twofold. At first, Schwartz’s postmodernism was not a case of slight or subtle variation, it was a full shift. For this shift, however, “the taste and critical vocabulary […] had not yet been invented” (Kirsch 223) when Schwartz initiated the demise of his reputation with Genesis in 1943. The literary system had not changed with him, and the function of his post-modern aestetic was not able to unfold properly (cf. Tynjanov 439ff.), as it would’ve had twenty years later. Elizabeth Bishop could not help but call the late poetry of Schwartz “really bad” (Travisano 19). New Critical ideals even noticeably influenced the negative attitude towards the late poetry by Schwartz’s own biographer, James Atlas (cf. Bawer 147). Certainly, there are poets who made their way despite being marginalized by the literay world. These are those poets who establish alternative canons, such as Olson and the Black Mountain poets or the budding New York School of poets, which stared to form in the 1940’s, whereas Schwartz was not able to detach himself from mainstream criticism.

After the Middle Generation poets on the one hand, and experimental postmodernists on the other hand, had established themselves during the 1970’s in academic discourse, the way for a reevaluation of Schwartz was clear, but it never happened. When his new style finally fitted the literary system, it was too late. The trias of Berryman, Bellow and Atlas had already destroyed the basis for an unbiased evaluation of Schwartz’s poetry. The emerging canon of postmodern literature was partly dominated by confessional poetry (Which was and is easier palatable than Schwartz’s pioneering efforts in the 1940’s, as his poetry of that time is burdened by a grave, complicated language, whereas the easy, flowing lines of the late Lowell or Sexton can be understood easier and faster), and partly by experimental poetry, as we saw earlier. Schwartz’s poetry fits neither category. When, finally, in the 1980’s (cf. Huyssen 17f.) political aspects were becoming important factors for inclusion into the canon, Schwartz’s way into the canon was closed once and for all, on account of his blatant ignorance of all things political.
All of this meant that he had never a chance to be recognized as a poet of Postmodernism.

The themes of Schwartz’s poetry “are chiefly […] awe and abyss” (Ozick 12; italics hers). He writes with an intensity which became rare in modern poetry since Swinburne had lost his spark. ‘Awe’ and ‘abyss’ are fine descriptions of his work, they show why he was exceptional. He was filled with ‘awe’ of his literary forebears. Ford in particular has meticulously shown how indebted Schwartz was to the French modernist poets and Schwartz’s correspondence with the great modernist poets such as Pound, Stevens, Eliot and Auden showcases his deep admiration of their faculties (cf. Atlas 178 and elsewhere). Yet he evinced the abyss, too, in his work, the pessimism, the doubt that what he believed to be true was really right. He was one of the first to explore the possibilities of a poetry that breaks with modernist ideals. His courage to write the kind of revolutionary poetry he wrote, should be admired. But he failed, and the body of verse he left us is contradictory and uneven. It is hard to come to terms with this poet.

There are more problems than simply prevailing critical opinion. There is also the confusion about a definition of Postmodernism, which seems to change every time someone writes a book about it. In postmodernist poetry, the case is even more complicated, as even McHale, the author of one of the clearest and finest definitions of postmodern novels, surrendered to the difficulties of such a definition,. He conceded that he had not “been able to identify any ‘umbrella’-model capable of accomodating the full range of postmodernist features” (McHale, The Obligation Toward the Difficult Whole, 251). The best accounts of postmodern poetry similarly shy away of ‘umbrella’-models, such as Lynn Kellers brilliant study. But this retreat into particulars just postpones the problem, in my understanding. However, the seeds of a theory of postmodern poetry have been planted in McHale’s approach to postmodern novels, where he uses a term of Jakobson, the change of dominant (cf. McHale, Postmodernist Fiction, 6ff.). It seems to me that this is a direction worth pursuing. A fellow Russian Formalist, Jurij Tynjanov, has proposed a theory of literary evolution, where the text, its elements and the literary system surrounding it form a cohesive unit. The question of how to evaluate literary evolution becomes a question of relation between the elements of the literary system.

To explain the changes from one set of relations in the literary system to another, you have to take into account not only stylistic changes, McHale’s échec demonstrated this sufficiently. You have to also take literary evaluations into account, not only criticism, but also the different types of canons and their functions within the system. You will have to be prepared to suspend the kind of schematic chronology inherent in the term ‘tradition’, so you can find changes and influences (See for instance Wilson’s account of the difficult relation between the work of Yeats and Delmore Schwartz, which defies critical wisdom on how tradition worked within Modernism) where you might not have expected them, for instance the autobiographically tinged poem of Schwartz’s in his first collection of poems. In such an approach one might demonstrate how the poetry of Wilbur, Olson or Creeley is, for all intents and porposes, modernist and the poetry of Schwartz postmodernist.

Thus, the gift of Delmore Schwartz to literature is threefold. One aspect are the texts themselves. The second aspect is the influence on many poets of Postmodernism, whereby he might have shaped the literary style we call postmodern. The third and last aspect is the potential gift of clarity: we might arrive at a better understanding of postmodernism and modernism if we try to understand Delmore Schwartz.

Do you hear, do you see? Do you understand me now, and how
The words for what is my heart do not exist? (Schwartz, Summer Knowledge, 228)

"Radikal zuerst zerstören": Über die Auseinandersetzung mit der Konservativen Revolution in Thomas Bernhards Romanen "Frost" und "Auslöschung".

[Das Folgende habe ich in wenigen Tagen geschrieben, und es ist auch schon was älter. Wie immer verweise ich gerne darauf, daß es trotz seiner *hust* Schwächen durchaus informativ sein kann.]

1. Einleitung

Das Werk des österreichischen Autors Thomas Bernhard gibt seinen Interpreten auch nach Jahrzehnten ergiebiger Forschungsliteratur immer noch Rätsel auf. Zwischen den ‘Österreichbeschimpfungen’ und komplexen Auseinandersetzungen mit Philosophen von Schopenhauer bis Wittgenstein bietet es Ansatzmöglichkeiten für eine Vielzahl an Deutungen, “weil divergente […] Interpretationsinteressen daran herangetragen wurden”[1], auch im gesellschafts-theoretischen Bereich, in dem sich die vorliegende Arbeit bewegen wird.

Eine Nähe oder wenigstens eine poetische Korrespondenz zu Werken der Konservativen Revolution hat man Bernhard bislang nicht nachgewiesen[2]. Zu überzogen schienen die apodiktischen Urteile von Bernhards Figuren, als daß sich dahinter eine “dezidiert politische”[3] Meinung, die sich nicht auf einen Holocaustkommentar[4] beschränkt oder sich lediglich in rüden Beschimpfungen erschöpft, verbergen könnte.

Genau diese Nähe jedoch wird die vorliegende Arbeit nachweisen. Es gilt zu zeigen, daß Bernhards Texten eine klare Position abzulesen ist, die mit dem schlichten Urteil ‘Kulturpessimismus’ nicht zu fassen ist. Vielmehr scheint diese Position, die sich im Laufe seines Werkes immer weiter verästelt und verfeinert, gut mit Kategorien der sogenannten Konservativen Revolution erklärbar zu sein.

Es wird der vorliegenden Arbeit mehr um eine Darstellung von Bernhards Text und seinen Argumenten zu tun sein, als um eine Diskussion des Begriffs ‘Konservative Revolution’. Aus diesem Grund wird auf lediglich zwei Texte dieser Bewegung[5] Bezug genommen. Hofmannsthals “Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation” sowie Borchardts “Schöpferische Restauration” dienen als programmatische Schriften für das, was im folgenden unter dem Begriff der Konservativen Revolution gefasst wird..

Nach einer kurzen Darstellung der beiden Texte folgt eine Untersuchung zweier Bernhardscher Romane unter den erarbeiteten Gesichtspunkten. Diese Texte sind sein erster Roman, Frost, und sein letzter, Auslöschung. Es wird sich zeigen, daß Bernhards Werk sich von einer umfassenden Kulturkritik hin zu einer Untersuchung der Möglichkeiten einer Restauration bewegt, die Visionen der Konservativen Revolution, wie sie Hofmannsthal und Borchardt verstanden, fest im Blick.

2. Die Konservative Revolution

2.1. Die Textauswahl

Hermann Rudolph schreibt:: “Der Begriff der Konservativen Revolution ist zwar nicht von Hofmannsthal geprägt worden, sein Plädoyer für ihn in der Rede ‘Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation’ scheint aber nicht unwesentlich zu seiner Fixierung im Bewußtsein der Öffentlichkeit beigetragen zu haben”[6]. Nun ist es nicht im Interesse der vorliegenden Arbeit, Definitionen des Begriffs der Konservativen Revolution gegeneinander abzuwägen, sich gar auf das Gebiet der soziologisch-politischen Untersuchung zu begeben. Hofmannsthals Rede scheint den Geist jener politischen Bewegung getroffen zu haben[7], dieser Umstand, sowie der hohe Grad an Erwähnungen dieses Textes im Rahmen von Diskussionen der Konservativen Revolution, sprechen für eine Verwendung der Rede.

Es ist jedoch nicht ausreichend, die Analyse Bernhardschen Konservativismus allein auf Hofmannsthals Rede zu stützen, schon aufgrund ihrer wenig spezifischen Diskussion des Kritisierten, ihre “formelhaften Wendungen ließen viele Möglichkeiten der Interpretation und der Realisierung offen”[8]. Als eine Ergänzung bietet sich Rudolf Borchardts Rede zur “Schöpferischen Restauration”[9] an, da ihre Kritik an der deutschen Gesellschaft weit konkreter ausfällt, Borchardt sich in ihr eindeutiger festlegt[10] und sie somit hilfreicher im Rahmen der vorliegenden Untersuchung ist.

Die Borchardtsche Rede hat zwar nicht denselben Bekanntheitsgrad wie die Hofmannsthalsche, jedoch ist sie geeignet, um die vielen dunklen Ecken von Hofmannsthals poetisch überladenem Text auszuleuchten, da Borchardt sich auf Details des von Hofmannsthal skizzierten Programms “eine[r] konservative[n] Revolution von einem Umfange, wie die europäische Geschichte ihn nicht kennt”,[11] einläßt. Im folgenden werden kurz zentrale Punkte der beiden Reden referiert, um den Boden für die Lektüre von Frost zu bereiten.

2.2. “Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation”

Diese Rede, “eine Art Zusammenfassung seines Weltbildes”,[12] hielt Hofmannsthal zwei Jahre vor seinem Tod und ein Jahr vor Borchardts Rede. Wie später Borchardt das 18. Jahrhundert als Parallele zu seiner Gegenwart konstruiert, so beschäftigt sich Hofmannsthal in seiner Rede zunächst mit dem, was die französische Kultur der deutschen voraus hat[13].

Der wichtigste Vorteil der Franzosen scheint nun nach Hofmannsthal zu sein, daß sie über eine “reine Sprache”[14] verfügen, mit deren Hilfe sie den in der deutschen Kultur allgegenwärtigen “Riß […] zwischen Gebildeten und Ungebildeten”[15] überwinden können. In der Sprache “redet Vergangenes zu uns, […] wir ahnen dahinter ein Etwas waltend”[16], nämlich “den Geist der Nationen”[17]. Es handelt sich hierbei nicht um gesprochene Sprache, sondern um Schrifttum, “Aufzeichnungen aller Art”[18].

Die Deutschen sind zwar nach Hofmannsthal beherrscht von den sogenannten Bildungsphilistern, aber auch unter ihnen regt sich Widerstand. “Das geistige Gewissen der Nation”[19], sind die Suchenden, “Träger […] dieser produktiven Anarchie”[20], was die genaueste Beschreibung der Konservativen Revolution ist, die man im Text finden kann. Zentral in der Bewegung der Suchenden sind verschiedene Führergestalten, die außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung stehen. Gleichwohl ist nicht Individualismus, sondern Einheit der Leitgedanke von Hofmannsthals Vision: “[a]lle Zweiteilungen […] sind im Geiste zu überwinden […]; alles im äußeren Zerklüftete muß […] dort in eines gedichtet werden, damit außen Einheit werde.”[21]

“Hofmannsthal sagt nirgends klar und eindeutig, was er unter konservativer Revolution versteht.”[22] Dafür muss erst Borchardt kommen, mit seiner Eloge auf die Romantik und seiner Verdammung des modernen Menschen in seiner Rede zur schöpferischen Restauration.

2.3. “Schöpferische Restauration”

Borchardt entwickelte die Idee der schöpferischen Restauration als Teil einer Redekampagne[23]. So hat sie auch, anders als die etwas zerfahrene Vorgängerrede Hugo von Hofmannsthals, eine ausgeklügelte rhetorische Struktur, die sich des Hauptstilmittels der Analogie bedient.

Ohne Umschweife erklärt Borchardt früh, wem seine Sympathien gehören und wen es anzugreifen gilt. Auf der einen Seite sind die “Schöpfer, Begeisterer und Former”[24] der Romantik, und auf der anderen Seite sorgt das restliche 18. Jahrhundert für die “Unterjochung dessen, was noch Philosophie heißen kann”[25]. In seine ausführliche, beißende Kritik an den Entartungen, die dieses Jahrhundert hervorgebracht habe, streut Borchardt wiederholt Analogien,[26] so daß die Zuhörer seine Anmerkungen auf ihre eigene Zeit anwenden. Er macht klar, daß bloße Ideen diesen Zustand, damals wie heute, nicht ändern können, dazu wäre eine “Schöpfergestalt”[27] vonnöten, ganz im Sinne von Hofmannsthals “Suchenden”[28].

Borchardt betont stärker als Hofmannsthal die herausragende Rolle der Romantiker im gemeinsamen Geschichtsbild. Seine Romantiker sind nicht nur Suchende, sie sind jene, die einst fanden, wonach heute gesucht wird. Sie haben erkannt, woran es der Welt mangelt, sie hatten Teil an “der klaren, der siegreichen, der seherischen Erkenntnis”[29]. Jedoch, Erkenntnis ist nach Borchardt eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung für den Wechsel.

Erst die “politische Katastrophe der Welt”[30] habe damals die Welt in einen Zustand versetzt, in dem sie bereit für einen Wechsel gewesen sei. Aber die Welt habe ihre Chance nicht genutzt, trotz der Romantiker und ihres weltweiten Einflusses hätten sich entscheidende Entwicklungen “erst nach der Schicksalsstunde und schon in der Stunde verfallenden Rechtes”[31] eingestellt.

Diese Analyse ist der entscheidende Teil der Rede. Was folgt, ist eine harte Kritik am modernen Massenmenschen: “[d]er historische Begriff des Volkes ist zersprungen [und] durch den der neuen Massen ersetzt”[32]. Der moderne Mensch ist nun “auf der Pöbelstufe”[33]. Borchardt bietet nun, da erneut ein Krieg die Weichen für eine Veränderung gestellt hat, seine Idee der schöpferischen Restauration an, und zwar “nicht als Reaktion […], sondern, wenn […] das Wort Revolution hier bedenklich klingt, als eine Reformation an Haupt und Gliedern”[34]. Zu den Maßnahmen dieser Reform gehört eine Stärkung des Nationenbegriffs zuungunsten des Volksbegriffs und ein Aufspüren des Urdeutschen in dem, was heute noch deutsche Kultur und Sprache ist.

3. Frost

3.1. Der Pöbel

Thomas Bernhards Erstlingsroman Frost fasst bereits alle kritischen Einwände in Bernhards Werk gegen die Moderne zusammen, die sich später in anderen Formen in seinem übrigen Texten wiederfinden lassen. Der Protagonist, der Maler Strauch, sagt dem ihn beobachtenden Famulanten mit, wie dieser die Welt zu verstehen habe. Das Bild, das Strauch von der Welt zeichnet, ist düster. Wie viele der frühen Romane Bernhards ist auch Frost auf dem Land angesiedelt. Die Städte in Bernhards späterem Werk, darunter Salzburg, Wien und Rom, sind hier noch ferne Orte.[35] Besonders deutlich wird dies in Frost, da keiner der beiden Protagonisten ursprünglich aus der Ortschaft Weng stammt, in welcher der Roman spielt. Mit dem Betreten von Weng betritt der junge Student gleichzeitig die dunkle Welt von Strauch, seine Aussage, Weng sei “der düsterste Ort” den er “jemals gesehen habe” (F 10),[36] könnte sich genauso auf Strauchs Inneres beziehen, schließlich steht Strauchs sich stetig verschlimmernde Krankheit “in korrelativer Beziehung zu dem Auflösungsprozeß in Weng”.[37]

Weng löst sich tatsächlich auf, und zwar ist nicht die Natur die Ursache, obwohl auch der Wald “von einer eigentümlichen Bedrohlichkeit gekennzeichnet ist”[38], vielmehr ist es die moderne Welt, die den Ort in Besitz genommen hat. Weng, das doch eigentlich in einer ländlichen Gegend liegt, ist bevölkert vom Proletariat, das “im Laufe von drei Jahrzehnten ins Tal hereingeschwemmt worden ist” (F 109). Die auf diese Weise neu zusammengesetzte Bevölkerung ist krank, “[d]as Tal ist berüchtigt wegen seiner Tuberkulosefälle” (F 149). “Die Bäuerlichen” (F 109) werden nach und nach verdrängt von dem Proletariat, das mit der modernen Industrie ins Tal kommt, welche die Krankheit mit sich bringt. Die Tuberkulose nämlich “scheint mit den Abwässern der Zellulosefabrik zusammenzuhängen” (F 149), eines der drei Industriemerkmale in der Gegend neben dem Kraftwerk (vgl. F 214f.) und der Eisenbahn.

In der Trennung, die zwischen den Bauern und dem Proletariat verläuft, befindet sich ein deutlicher Anklang an Borchardts Pöbel einerseits und seine Trauer um das verlorene “Volk der Romantik”[39] andererseits. Die Macht des Pöbels nimmt in Weng zu, die Bauern, die mit dem Katholizismus[40] identifiziert werden, haben “ausgespielt”, denn der “Kommunismus schreitet weit aus. In ein paar Jahren gibt es nur noch den Kommunismus. Und Bauerntum ist dann nur noch ein Traum.” (F 109)

3.2. Träumen

Der eigentliche Traum aber hinter der gehässigen Wengbeschimpfung des Malers, die auch auf den Famulanten abfärbt, ist der einer “vorindustrielle[n] aristokratische[n] Utopie[]”[41], etwas, das überdeutlich wird, wenn Strauch von den “Herrenhäusern[n] und Schlösser[n]” (F 230) schwärmt. Diese sind nicht eindeutig als Nachtträume erkennbar, zumindest werden sie vom Maler als wahrhaftig beschrieben, jedoch geschieht dies in einem von Paradoxa übervollen Monolog. Zudem hat Gößling mit Recht darauf hingewiesen, daß die Mitteilungen des Malers, die nicht vom Protokoll führenden Famulanten überprüft sind[42], “den inhaltlich auf diesem lastenden Wahnverdacht”[43] erhärten.

Träume schaffen im Träumenden eine zweite Wirklichkeit, was in Frost für Nachträume wie für Visionen gleichermaßen gilt, “[i]nnen ist jetzt der andere Schauplatz, und er stimmt mit dem Schauplatz draußen nicht überein”[44]. In wenigen Bernhardschen Werken sind der Traum und der Wahnsinn so präsent wie in Frost und die Tatsache, daß sich Strauch diesen Dingen aussetzt, kann gelesen werden als “Resultat eines Denkens, das an das äußerst Mögliche gehen will […] im Interesse der Präzision”[45], wenn man das Hofmannsthalsche Diktum in Betracht zieht, daß “[a]lle Zweiteilungen […] im Geiste zu überwinden”[46] sind. Strauchs Anspruch ist eben ein solcher Hofmannsthalscher, am Rand des Möglichen, ein Denken bzw. eine Sprache, in der es “keine Irrtümer” gibt und ” der Zufall und das Böse […] ausgeschlossen” sind (F 230). Es ist “alles unerfüllbar” (F 30) und doch muß man Strauchs Bemühungen lesen als ein Versuch, durch möglichst starke Verdichtung und Präzision, “bis in die höchsten Vorstellungen der Verfeinerung hinauf” (F 82), sein Ziel der inneren Einheit zu erreichen.

3.3. Das Alleinsein

Ob Strauch nun aber wirklich ein “synthesesuchender Geist”[47] im Sinne Hofmannsthals ist, ist nicht abschließend zu klären. Der Traum bietet eine alternative Lesart des Wahns und Antriebs der Figur Strauch an. Da der Traum, den Strauch versteht als “den Eintritt in das höhere Staunen” (F 269), bei Bernhard fungiert als “das subversive Potential, die anarchische Dimension”[48], schließt er sich nahtlos an Hofmannsthals Diskussion des geistigen Gewissens der Nation an, das “Spannungen und Beklemmungen hervorruft”[49]. Strauch, obwohl er vielleicht nicht der ersehnte Führer ist, versucht doch, die innere und äußere Einigung zu erzwingen, die Entindividuation, die am Ende der Konservativen Revolution stehen soll. “Die erhoffte Entindividuation soll durch ein Höchstmaß […] an Individuation verwirklicht werden. Von dieser wird erwartet, daß sie auf eine mystische Art und Weise in jene umspringt”[50].

Die Individuation des Malers vollzieht sich in Frost mittels des Alleinseins, des “Eingeschlossenseins in sich selbst” (F 29). Er muß Mitteilungen aus sich lösen, “er reißt die Worte aus sich heraus wie aus einem Sumpfboden” (F 137). Dies ist gleichzeitig, neben einer Denkmethode, ein Selbstschutz[51] gegen die feindliche Umwelt. Eine ähnliche Doppelfunktion findet sich auch in dem titelgebenden Frost. “Der Frost frißt alles auf” (F 247), “[p]lötzlich ist es so kalt, daß einem die Stirnhöhle einfrieren kann” (F 246) und andererseits ist die “Kälte […] der scharfsinnigste Zustand”, der “im Hirn den Verstandesklöppel anschlagen läßt” (F 247). Die Kälte, die auch sinnbildlich für ein versagendes, da bewegungsloses[52] Gesellschaftssystem ist, das wir in der Ordnung von Wolfsegg wiederfinden werden.

Strauch scheitert, er findet keine Antwort, und wenn “der Geist keine Antwort zu finden vermag, übernimmt […] der Körper für den Menschen die Antwort”[53]. Strauch versagt in seinem Vorhaben und sein Körper versagt mit ihm. Nicht, weil durch seinen Einsatz sich die Welt oder doch wenigstens Weng nicht verändert hätte, sondern weil er niemandem ein Führer, das heißt: Lehrer war. Gegen Ende formuliert er es so: “der Eintritt in das höhere Staunen, wissen Sie, und ganz allein” (F 269). Seinen Gesprächspartner, der sich in der Sprache wiederfindet als ‘Sie’, kann er nicht in seine Traumwelt mitnehmen.

3.4. Sprache und Ordnung

Der Famulant schließt seinen Bericht mit den knappen Worten: “[a]m Abend des gleichen Tages beendete ich meine Famulatur und reiste zurück in die Hauptstadt, wo ich mein Studium fortsetzte.” (F 316). Als sei nichts gewesen, fährt der Student in seinem Tagewerk fort. Jedoch hat, still und heimlich, eine enorme Veränderung statt gefunden. Aus den Worten, dem “bloßen Verständigungsmittel”[54] wurde durch des Famulanten Tagebuchaufzeichnungen, die, zusammen mit ein paar Briefen, den Roman Frost konstituieren, echtes Schrifttum. Wenn Kritiker wie Huntemann die Tagebuchform als “Reflex [einer] schreibskeptischen Einsicht”[55] begreifen, so ist ihnen unbedingt zu wiedersprechen, drückt doch die Fixierung in Schrift Vertrauen in eben jene aus. Durch die Schrift kann der Famulant, der sich Strauch “ausgeliefert” (F 304) fühlt, genug Distanz aufbauen, um den Maler als “Wortfetzen und verschobene Satzgefüge” (F 214) begreifen zu können.

“Was fange ich mit seiner Sprache an?” (F 137) fragt sich der Famulant, weit entfernt davon, sich tatsächlich Strauchs “Herzmuskelsprache” (F 137) auszuliefern. Statt dessen bildet er von außen jenes Strauchsche Denken nach, das, wie hier bereits festgestellt, ein nach innen gekehrtes ist, mithilfe der Schrift als Ordnungssystem der Sprache. Sie als solche zu begreifen, bietet sich an in einem Text, in dem nicht die Zerstörung von Natur beklagt wird, sondern eben die Zerstörung von Kultur, von von Menschenhand geschaffener Ordnung[56], die von Strauch wiederholt als Utopie beschrieben wird: “ein Park […] der unendlich sei, […] eine Schönheit, ein kunstvoller Einfall reihe sich in diesem Park an den anderen.” (F 82). Wenn Hofmannsthal in bezug auf die Konservative Revolution verkündet, “[i]hr Ziel ist Form”[57], so kommt das den Strauchschen Vorstellungen schon sehr nahe. Aber anders als bei Hofmannsthal und Borchardt ist in Frost kein Prozeß über den sprachlichen hinaus zu sehen. “Der Maler redet und ich höre zu” (F 225), diese “Urszene der Bernhardschen Gesprächskunst”[58] hat hier noch keine Auswirkung.

Sie hat aber wenigstens erkenntnisfördernde Funktion, denn durch die Sprache, die “der Konstruktion des Denkens, dem Ausdruck als Denksystem”[59]dient, merkt der Student als Hörer dieser Sprache, daß die Sprache, aus dem tiefsten Innern “in die Welt, in die Menschen hinein” (F 137) führt und bestätigt somit das Ausmaß der Strauchschen Innerlichkeit. Die Sprache des Malers ist die komprimierte “Worttransfusion” (F 137), die für den in der Welt stehenden Famulanten zusammenhangslos scheint, aber auf den zweiten Blick “ungeheure Zusammenhänge” (F 137) hat, nur eben im Maler.

Der Sprachschwall, der nur in eine Richtung erfolgt, fordert den Famulanten heraus, der ihm zunächst keine Ordnung zu geben vermag. Erst später ist er imstande Bericht zu erstatten (vgl. F 309f.). Durch diesen ‘Erfolg’ wird in Frost eine Gegenüberstellung von redendem und schreibendem Subjekt konstruiert, mithilfe derer eine weitere Dimension des Strauchschen Versagens offenkundig wird, Strauch vermag eben gerade nicht, aufzuschreiben, Bericht zu erstatten, er muß stets aufhören “nach dem dritten oder vierten Wort” (F 316). Hofmannsthals Diktum, daß nur in der Schrift “[a]lles Höhere, des Merkens würdige”[60] überliefert werde, hinterlässt seine Spuren im Versagen von Strauch. Der lehrende Protagonist der Auslöschung ist hingegen auch ein Schreiber[61].

4. Auslöschung

4.1. Wolfsegg

Franz-Josef Murau, der Erbe von Wolfsegg, verschenkt diesen “gigantische[n] Besitzklumpen” (Aus 37), nach der Beerdigung seiner Eltern. Als Privatlehrer von Gambetti, einem jungen italienischen Mann aus gutsituierter Familie, verdient er gut, ließ sich aber immer finanziell von seinen Eltern unter die Arme greifen. Der Grund für sein Handeln kann also kaum finanzielle Unabhängigkeit sein. Einer der vielen möglichen Gründe liegt in der Konstitution von Wolfsegg. “Murau […] ist gleichzeitig ein Teil und ein Opfer von Wolfsegg. Er ist daher unfähig zu erben”[62]. Wolfsegg, wie Weng in Frost, ist mehr als ein Ort, mehr als Wald, Schloß und Felder. Es ist eine “Kindheitslandschaft” (Aus 599), in der nicht nur die Kindheit Muraus abgebildet ist, sondern vielmehr auch die ‘Kindheit’ des modernen österreichischen Staates[63]. Wolfsegg ist konstruiert aus verschiedenen widerstreitenden Elementen. Erstens die “sogenannte Kindervilla” (Aus 184), in der ein Kindertheater untergebracht ist, ihr Gegenstück ist das Haupthaus von Wolfsegg, der Ort der Erwachsenen, wo sich das Familienleben “mehr oder weniger abspielt” (Aus 183). In Nachbarschaft zur Kindervilla befinden sich die anderen beiden, einander als Gegensätze präsentierten Häuser, das Jägerhaus und das Gärtnerhaus.

“Die Jäger waren niemals meine Freunde gewesen” (Aus 185) schreibt Murau, und nicht zufällig klingt in diesem Satz ein kindlicher Ton nach. Denn nahezu alle Wolfseggerinnerungen Muraus verbindet dieser mit der Kindheit[64] oder der frühen Jugend. Als Erwachsener erfährt Murau daß seine Eltern nach dem zweiten Weltkrieg “ihre nationalsozialistischen Gesinnungsgenossen”, Nationalsozialisten hohen Ranges, in eben der “geliebte[n] Kindervilla” (Aus 184) versteckt hatten. Die Jäger “waren die Faschisten” (Aus 192), sagt Murau später zu seinem Schüler Gambetti, aber es bleibt ungeklärt, wie in weiten Teilen des restlichen Romans, wieviel er tatsächlich erinnert und wieviel sich in seiner Erinnerung sich verändert hat, da eine objektivierende Instanz, wie sie der Famulant in Frost wenigstens ansatzweise darstellte, völlig entfällt.

Auf der anderen Seite stehen die Gärtner, die Murau, damals wie später, lobend unter die “einfachen und ungekünstelten” Menschen zählt. Als Kind ging er gerne und oft zu den Gärtnern, “die ich liebte” (Aus 257), wie Murau schreibt. Die Gärtner sind eng verbunden mit der Natur, mit einem restaurierenden natürlichen Kreislauf, nicht wie die Jäger, die auf alles schießen, das ihnen vor die Flinte kommt und seien es unbescholtene Bürger (vgl. Aus 192). “Die Gärtner in Wolfsegg” hingegen “hatten immer eine heilsame Wirkung ausgeübt” (Aus 334). So ist es im Rahmen der Konstruktion von Auslöschung nicht überraschend, daß Murau darauf besteht, daß wenigstens einer der drei Särge von den Gärtnern getragen werden soll (vgl. Aus 412f.).

Die Gärtner sind “die reinen Menschen” (Aus 334), eine Formulierung, die wirkt, als habe Murau in ihnen das Volk der Romantik wiedergefunden, und tatsächlich redet er, kaum daß er in Wolfsegg ankommt, zuerst mit diesen Gärtnern. Sie sind die “die natürlichsten” (Aus 399), in einer Umgebung, die von Ritualen und “eine[r] unerträgliche[n] Künstlichkeit” (Aus 108) dominiert ist. Während in Frost weite Teile des Romans im Wald stattfinden, bei Spaziergängen durch die steifgefrorene Natur, sind in der Auslöschung, soweit es Wolfsegg betrifft, die Räume entscheidend, die vier Häuser, die eben beschrieben wurden, aber “[d]er Raum zwingt zum Ritual […] Jeder Versuch, gegen diese Ordnung aufzubegehren, wird bestraft”[65]. Murau, als Kind in Wolfsegg, steht unter Dauerbeobachtung in diesen Räumen, alles, was er seinen Eltern sagt, kann als mögliche Lüge aufgefasst werden, besonders schwierig scheinen die mit der Bibliothek zusammenhängenden Belange zu sein. Auch wenn Murau schwört, “zum Lesezweck” (Aus 259) in einer der fünf Bibliotheken gewesen zu sein, wird er der Lüge bezichtigt, man unterstellt ihm, er sei dort seinen “abwegigen Gedanken” (Aus 259) nachgegangen, ohne daß die Natur jener Gedanken je spezifiziert wird.

4.2. Das geheime Denken

Gedanken, Bücher, Ideen sind gefährlich in Wolfsegg, es gibt dort Kästen, in denen “[d]ie Voltaire und Montaigne und Descartes […] ein für allemal versiegelt sein” (Aus 147) sollten, Kästen, die Muraus Onkel Georg, das enfant terrible der Familie, einmal geöffnet hatte und die nach Onkel Georgs Abreise und Umzug nach Cannes, “an dieser Teufelsküste” (Aus 148) wieder fest verschlossen wurden, “sie hatten dabei die Schlüssel nicht nur einmal, sondern gleich zwei- und dreimal umgedreht” (Aus 148f.). Denken scheint gefährlich zu sein, und “[d]as geheimgehaltene Denken ist das entscheidende” (Aus 161).

Dieser letzte Punkt scheint mir ein in der Bernhardforschung unterschätzter zu sein[66], das Denken muß nicht geheimgehalten werden, weil die Gedanken inhaltlich gefährlich sind, oder weil Denken überhaupt eine gefährliche Tätigkeit ist, deren Ausübung man dann natürlich verbergen müßte. Es geht im Gegenteil darum, nicht zu verraten, daß unser Kopf “vollkommen leer” (Aus 160) ist, das kommt ab und zu vor, und dann empfinden wir “einen solchen fürchterlichen Schmerz, daß wir nur fortwährend aufschreien müssten” (Aus 160), was man tunlichst vermeiden sollte, denn das würde “das Ende bedeuten” (Aus 160). Es ist also die Leere, die das geheime Denken darstellt, das Verzweifeln. Das macht auch Sinn im Zusammenhang mit den Attacken der Familie gegen Muraus Bibliotheksaufenthalte, denn nie wird er bestraft für das Lesen indizierter Bücher, man vermutet vielmehr dunkle Beweggründe. Diese könnten durchaus das Nichtdenken sein.

Eine weitere Verbindung ergibt sich hier zu Frost. Nachdem er seine Unfähigkeit erklärt hat, einen kohärenten Text zu Papier zu bringen, beschreibt der Maler Strauch einen “unvorstellbare[n] Schmerz” (F 316), der von seinem Kopf ausgeht. Es ist in der Auslöschung genau die umgekehrte Problemlage. Murau vermag sehr wohl zu schreiben, die auch in der Auslöschung vorhandenen Dialoge dienen zur Erzeugung einer “Mündlichkeitsfiktion, wie sie nur im Medium der Schrift möglich ist”[67]. Durch die an den Anfang und an das Ende gesetzten “schreibt Murau” wird der Schriftcharakter der Murauschen Monologe weiter forciert. Wenn also Murau, der nirgends von derartigen Schmerzen an seinem eigenen Körper berichtet, einen ähnlichen Schmerz beschreibt wie Strauch, könnte man daraus, geht man von einem Werkkontinuum bei Bernhard aus, auf eine weitere Abwertung der Strauchschen Geistesleistung sprechen, denn das leere Blatt und der leere Kopf wiedersprechen sich womöglich nicht unbedingt.

4.3. Auslöschung

Ganz so einfach aber sieht es nicht aus in der Auslöschung. Eva Marquard weist mit Recht darauf hin, daß der Text der Auslöschung gar nicht von Murau geschrieben ist, “sein schriftlich abgefasster Text mit dem Titel ‘Auslöschung’ wird lediglich mitgeteilt”[68], ohne daß es Informationen gibt, wer der Herausgeber, beziehungsweise der Erzähler ist, ob das Manuskript tatsächlich den Titel ‘Auslöschung’ trägt[69] und welchen Umfang es tatsächlich hat, denn diesbezüglich gibt es weder Informationen noch Markierungen irgendeiner Art im Text. Das Projekt der Auslöschung, das Murau wiederholt ankündigt, wird so aus dem Text herausgetragen, auch durch den Trick, daß Murau Gambetti aufträgt, “Amras von Thomas Bernhard” (Aus 7f.) zu lesen, nun ist es aber “keine fiktive Tatsache, sondern eine tatsächliche, daß […] Bernhard diesen Text geschrieben hat, Auslöschung bezieht sich damit explizit auf die textexterne Wirklichkeit”[70]. Das Projekt der Auslöschung bekommt damit auch Gewicht außerhalb der narrativen Struktur von Auslöschung, eine Voraussetzung, damit es als gesellschaftstheoretisches Konzept im Rahmen der Konservativen Revolution angemessen diskutiert werden kann.

Zunächst einmal bezeichnet Muraus Konzept der Auslöschung seine Rebellion gegen den “Herkunftskomplex” (Aus 201), gegen die lebenslängliche Auseinandersetzung mit den immergleichen Themen. Es ist ein autobiographisches Projekt, nur daß er in diesem Bericht, den er Auslöschung zu nennen gedenkt, “alles” auslöscht, seine “ganze Familie wird in ihm ausgelöscht ihre Zeit wird darin ausgelöscht, Wolfsegg wird ausgelöscht in meinem Bericht” (Aus 201).

Es ist hier nicht wörtlich seine Familie gemeint[71], oder ihre ‘Zeit’, es handelt sich mehr um das, was seine Familie repräsentiert, “die infame Provinzhölle” (Aus 295). Die Wolfsegger Ordnung ist starr, dort sitzen die Bildungsphilister[72], die kein Interesse an gesellschaftlicher Bewegung haben. Wenn also Murau behauptet, “Wolfsegg […] auseinanderzunehmen und zu zersetzen” (Aus 296), obwohl er eigentlich Wolfsegg für den Leser überhaupt erst erschafft, dann kann seine “Geistesarbeit” (Aus 613) sich nur gegen diese Ordnung, die “etablierten Strukturen”[73] richten, die nicht eine überkommene ist, sondern nur eine zu starre. Die Wolfsegger sind nicht bereit, “in ihre fürchterlichen Geschichtsabgründe hinein und hinunter” (Aus 17) zu schauen, es mußte erst Onkel Georg kommen, um den jungen Murau “auf den Gegenweg” (Aus 147) zu bringen. Die Tatsache, daß es um eine Besinnung auf die alten, jahrhundertelang missachteten Bücher in den Bibliotheken geht, um eine rückwärtsgewandte Geschichtsbetrachtung, legt nahe, daß es sich beim Projekt der Auslöschung tatsächlich um ein Projekt im Geiste der Konservativen Revolution handelt. Murau blickt nicht in die Zukunft, ohne gleichzeitig in die Vergangenheit zu blicken.

4.4. Restauration und Konservierung

4.4.1. Restauration in Wolfsegg

Murau hat genaue Vorstellungen, was er in Wolfsegg erreichen will, als er dort ankommt. Im wesentlichen handelt es sich hierbei um zwei Dinge. “Es wird mein erstes sein, […] in Wolfsegg den eingesperrten bösen Geist [die eingesperrten Bücher; M.I.] auszulassen, […] und die Bücherkästentüren werde ich […] weit auflassen für immer” (Aus 150), ein Vorgang, bei dem Murau offenbar trachtet, Vergangenes wiederzubeleben, um damit wiederum die Gegenwart zu beleben, “die Geschichte des deutschen[74] Geistes […] wieder erbau[en], bewahr[en]”[75]. Diese Geschichte sucht er “in den alten Büchern, auf den alten Stichen” (Aus 115).

Sylvia Kaufmann hat überzeugend nachgewiesen, daß Muraus Buchpräferenz “reinstates the Romantic antagonism of artist and philistine”[76], so daß auch die verhandelten Bücher selber eine Verbindung zu Borchardts “seherischer Erkenntnis”[77] herstellen. Den Ahnen, denen er nachspürt in den fünf Bibliotheken, fühlt er sich verbundener als den Philistern seiner Gegenwart, “sie hatten ein naturgemäßes Bedürfnis nach Geist und Denken” (Aus 263) lobt er und schwärmt: “Was waren das für Zeiten” (Aus 263). Nach einem ähnlichen Prinzip suchte er sich seinen Wohnort Rom aus: “für den Kopf des Altertums ist Rom die ideale Stadt gewesen, für den heutigen Kopf ist es wieder die ideale” (Aus 207). Seine Ahnenverehrung treibt er sogar soweit, daß er in einem obskuren Portrait den Familienphilosophen zu erkennen glaubt, an “diese[m] charakteristische[n] Descartesbart und [der] hochgezogene[n] Descartesbraue” (Aus 360), dessen Existenz nur gerüchteweise bestätigt ist.

Das zweite Projekt, das er sich in Angriff zu nehmen vornimmt, ist die Restaurierung der Kindervilla, die “vor rund zweihundert Jahren in der Art gebaut worden [ist] in der Art der florentinischen Villen” (Aus 184).. Dieser Bezug nach Italien ist gleichzeitig, im Kontext der antiken Figur Rom, wie oben dargestellt, zu lesen als zeitlicher Rückbezug. Zum einen in die Antike, und zum anderen, auf der expliziten Ebene, um 200 Jahre zurück, zur Zeit der Habsburger, kurz vor dem Verfall des KuK.

4.4.2. Habsburg

Zwar wird die glorreiche österreichische Vergangenheit selten explizit thematisiert in der Auslöschung, dennoch ist der Schatten des “habsburgischen Mythos'”[78] immer zu spüren[79], nicht zuletzt durch den vielsagenden Vornamen des Protagonisten, Franz-Josef, der zwangläufig solche Assoziationen auslöst[80]. “Der Untergang der Monarchie wirkt bis heute traumatisch nach”[81] in der österreichischen Literatur und in Bernhards Werk besonders deutlich. Bei einer näheren Betrachtung ist die Angst vor dem dräuenden Kommunismus in Frost übersetzbar in die Angst vor einer der Monarchie radikal entgegengesetzten Gesellschaftsform.

Dennoch ist sich Murau in der Auslöschung nicht zu schade, eine wiederholte, mehrseitige Katholizismusbeschimpfung zu unternehmen, deren erste Beschimpfungswelle in der Behauptung gipfelt: “[w]ie kein anderes Volk hat sich das unsere von der katholischen Kirche ausnützen lassen” (Aus 146) und deren zweiter den Ausdruck “unser nationalsozialistisch-katholisches Volk” (Aus 444)[82] enthält. Der Katholizismus ist aber in der Auslöschung nicht mit der habsburger Zeit assoziiert, sondern mit der starren faschistoiden Ordnung von Wolfsegg, denn “gegen den Katholizismus,” das “bedeutete […] gegen alles” (Aus 147.).

4.4.3. Literatur und Sprache

Zuletzt bleibt die Frage des Umgangs mit den literarischen Traditionen. In Hofmannsthals Rede wurde der schlechte Umgang mit dem “nationalen Besitz”[83], das heißt, Kulturbesitz beklagt. Man ehre “die wahren großen deutschen Epiker”[84] nicht in ausreichendem Maße. Besonders auffällig sei es im Falle von Goethe, zu dessen Werk es keinen Konsens gebe. Scheinbar reiht sich auch Murau in jene von Hofmannsthal kritisierten ein, die Goethe nicht als Teil der Tradition begreifen oder sogar diese Tradition, und Goethe mit ihr schlicht verwerfen, Goethe, “den Gesteinsnumerierer, den Sterndeuter, den philosophischen Daumenlutscher der Deutschen, der ihre Seelenmarmelade abgefüllt hat in ihre Haushaltsgläser” (Aus 575).

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich jedoch diese Goethebeschimpfung als ein Angriff auf die Goethepietät des Bildungsphilisters im Sinne Hofmannsthals, der die “nicht ganz angenehme[] Goethevertraulichkeit der Philologen und [die] Goethepietät der Einzelnen”[85] kritisierte. Die Attacke Muraus gilt nicht Goethe, dem großen Dichter, sondern Goethe, dem “philosophischen Kleinbürger”, der “den Kopf in den deutschen Schrebergarten gesteckt hat” (Aus 575). Nicht die Tradition wird angegriffen, sondern der falsche, starre, geistig unbewegliche Umgang mit ihr[86]. Murau, der die Gedichte seiner Lieblingsdichterin Maria “immer geliebt hat” (Aus 511), erklärt, diese hätten “den Wert der Goetheschen Gedichte, die [er] am höchsten einschätzt” (Aus 512). Es geht um ein tieferes Verständnis von Literatur, das sich auch in seinem Selbstverständnis als Schriftsteller widerspiegelt[87]: er sieht in sich “nur ein[en] Vermittler von Literatur”, “[e]ine Art literarischer Realitätenvermittler” (Aus 615).

“Das Werk ja, habe ich zu Gambetti gesagt, aber seinen Erzeuger, nein” (Aus 616), schreibt Murau und setzt damit eine wichtige Trennung. Der Text geht ein in die literarisch-kulturelle Tradition, sei der Autor auch noch so gefangen in seiner Gegenwart. Eine ähnliche Trennung in der Betrachtung findet statt, wenn Murau feststellt: “die deutschen Wörter hängen wie Bleigewichte an der deutschen Sprache […] und drücken […] den Geist auf eine diesem Geist schädliche Ebene” (Aus 8). Nation heißt für Borchardt “wie in Urzeiten und allen Zeiten mit seinesgleichen eins”[88] sein. Im Rahmen dieses Konzeptes müssen auch die widersprüchlichen Kommentare Muraus zur deutschen Sprache und Literatur gelesen werden.

Die Trennung von der deutschen Gegenwart, sowie die heftige Romanophilie in der Auslöschung, die übrigens auch ihr Pendant in Hofmannsthals Rede hat, hat in Bernhards Text jedoch eine ganz besondere Dimension, die weder von Hofmannsthal noch von Borchardt vorhergesehen werden konnte, nämlich Auschwitz und die Möglichkeiten und Schwierigkeiten mit dem ‘Deutschen’ und der deutschen Sprache nach Auschwitz, findet sich doch der Nationalsozialismus, wie auch in dieser Arbeit mehrfach angeklungen ist, an prominenter Stelle im Herkunftskomplex der Auslöschung wieder.

4.5. Konservative Revolution

4.5.1. Abschenkung

Wie Borchardt erkennt Murau, daß es “einen weltweiten Verdummungsprozeß” (Aus 646) gibt[89] und erklärt lakonisch, im Angesicht dieses unaufhaltsamen Prozesses gebe es nur die Möglichkeit, sich umzubringen. Dies schlägt zwar einen Bogen zu Muraus Auslöschungsfantasien, aber zeigt sich, im Rahmen der Konstruktion der Auslöschung, als rhetorische Figur. Murau ging, war er “unglücklicher als erträglich”, “[z]u den Gärtnern, […] nicht zu den Jägern” (Aus 191, Hervorhebung Bernhards). Auch in dem gerade beschriebenen Verzweiflungszustand ginge er, führte man diesen Denkvorgang fort, nicht zu den Jägern, die sich “durch ihre Vernichtungswut die Illusion verschaffen, Herren über Leben und Tod zu sein”[90], sondern zu den Gärtnern. Auslöschung bedeutet in der Auslöschung nicht Vernichtung, dafür gibt es kein Indiz. Am Ende des Romans verschenkt Murau Wolfsegg, ein folgerichtiges Ende in der Lesart der vorliegenden Arbeit, der Israelischen Kultusgemeinde in Wien (vgl. Aus 650f.). Es ist insofern folgerichtig, als daß Murau damit die starre Ordnung von Wolfsegg völlig auflöst, indem er sie abtrennt von dem Geschlecht und der Befehlsgewalt der alten Schlossherren, aber nicht zur Erreichung von Chaos oder Anarchie, sondern um Wolfsegg in eine andere Ordnung zu überführen, denn von der Schenkung ist ja nicht eine Privatperson betroffen, sondern eine ganze Gemeinde, die über ihre eigene Struktur und Ordnung verfügt. Ausgelöscht wird also nicht Wolfsegg im wörtlichen Sinne, sondern Wolfsegg im übertragenen Sinne, die Ordnung von Wolfsegg.

4.5.2. Zerstörung

Analog zum Wolfsegger Vorgang vollzöge sich auch -in der Theorie- die Konservativen Revolution in der Welt. “[N]ur eine tatsächlich grundlegende, elementare Revolution […] kann die Rettung sein” (Aus 146) schreibt Murau, eine “Reformation an Haupt und Gliedern”[91] gewissermaßen. Murau, der nicht ähnlichen kleinbürgerlichen Hemmnissen ausgesetzt ist wie Borchardt, hat keine Scheu vor dem Begriff der Revolution, und auch keine Scheu davor, zu erklären, man müsse, ehrlicherweise, “die Welt […] ganz und gar radikal zuerst zerstören, beinahe bis auf nichts vernichten, um sie dann auf die [Murau] erträglich erscheinende Weise wieder herzustellen” (Aus 209). Dies mag, an der Oberfläche, kollidieren mit dem Element der Restauration, bzw. mit dem “‘konservativen’ Aspekt der Konservativen Revolution. Jedoch, wie man bereits an der angekündigten Auslöschung und ihrer tatsächlichen Abwicklung gemerkt hat, geht es Murau nicht um Vernichtung.

Der wichtigste Aspekt scheint mithin das “wieder herzustellen” sein und die Zerstörung hat ihren Gegenpart in Borchardts Postulat einer “politische Katastrophe der Welt”[92]. 1983 kann Murau sich allerdings nicht auf den 2. Weltkrieg als Katastrophe besinnen, restaurative Handlungen zu Muraus Gegenwart fänden “erst nach der Schicksalsstunde und schon in der Stunde verfallenden Rechtes”[93] statt und wären somit, ganz im Sinne Borchardts, sinn- und wirkungslos.

4.5.3. Führung

Sowohl Borchardt als auch Hofmannsthal betonen die Rolle des Führers, beide haben gewisse Einwände in mögliche Führerfiguren, wie Hofmannsthal sie skizziert[94]. Die Notwendigkeit einer solchen Figur jedoch steht für beide außer Frage. Wie in der Betrachtung von Frost festgestellt wurde, scheitert dort die Führerfigur Strauch und die Schülerfigur des Famulanten hat keine Entwicklung hin zu einer solchen Figur durchgemacht. Das Problem könnte in einer zu starren Ordnungsstruktur liegen, einer “geistigen Abhängigkeit”[95] zwischen Lehrer und Schüler. Von einer vergleichbaren Abhängigkeit kann in Auslöschung jedoch nicht die Rede sein. Ganz im Sinne des eins seins mit Sprache und Tradition gibt es hier eine “Identitätskette”, in der die Beteiligten “einander ihr Denken beeinflussen”[96].

Im Fall der Auslöschung ist Gambetti der “kommende[] Philosoph[] und Revolutionär” (Aus 209). Der Ausblick auf die Zukunft ist wichtig, weil, Analog zu Borchardt, sich die Gleichgesinnten erst sammeln müssen, denn “[w]ir sind jetzt eine geschwächte, tatsächlich geistlose österreichische Menschheit […] der das Grundlegende und Elementare gar nicht möglich ist” (Aus 146). Es ist eine Krise des österreichischen Geistes, dieser ist in der stetigen Gefahr der Verdummung.

Murau versucht, als Lehrer Gambettis, bei diesem den Hebel umzulegen, ihn auf den “Gegenweg” (Aus 147) zu bringen. Deshalb füttert er ihn mit Literatur, mit Jean Paul, Broch, Schopenhauer. Während Murau seine Phantasien, etwa die Herrichtung der Kindervilla, nie umsetzt, ist Gambetti “nicht nur der geborene Phantasierer, er ist auch der geborene Ausführer seiner Phantasien” (Aus 544). In Gambetti lebt die Hoffnung auf eine Konservative Revolution, wie sie Muraus skizziert, weiter. Das ist die entscheidende Volte, die Bernhards Werk zwischen Frost und der Auslöschung vollzogen hat. Der Frost ist am Ende des gleichnamigen Romans immer noch da, Strauch ist gestorben und der Famulant hat das Weite gesucht, ohne irgend ein Interesse, die Lage zu ändern. Der Frost in der Auslöschung, in Form der starren Strukturen[97] Wolfseggs, ist durch die Abschenkung beseitigt und die entsprechende Schieflage der Welt, die sich “augenblicklich in einem chaotischen Zustand befindet, während in Wolfsegg die Ordnung herrscht” (Aus 369), soll durch Gambetti bereinigt werden. Es ist eine Utopie, die am Ende der Auslöschung steht, deren Möglichkeit in den Raum gestellt wird, ohne Hinweis auf Gambettis Handlungen nach dem Ableben von Murau und ohne Untersuchung des Ausmaßes der möglichen Selbsttäuschung des Ich-Erzählers Murau.

5. Schluss

“In welches Gespräch mischt sich dieser Monolog?”[98] fragt Ingeborg Bachmann in einem unveröffentlichten Prosatext über das Frühwerk Thomas Bernhards. Die vorliegende Arbeit hat hoffentlich gezeigt, um welches Gespräch es sich, unter vielen anderen, Schopenhauer und Wittgenstein sind sicher die am häufigsten genannten Namen in der Forschungsliteratur, handeln könnte: ein Gespräch mit den Dichtern und Denkern der konservativen Revolution, insbesondere Hofmannsthal und Borchardt.

Mit Recht ist der Prozeß der Auslöschung und Zerstörung, der im Zentrum des komplexen letzten Romans steht, immer wieder auf Auschwitz bezogen worden, am prominentesten im Aufsatz von Irene Heidelberger-Leonard[99] und umgekehrt Frost auf den Solipsismus in der literarischen Tradition, aber die vorliegende Arbeit hat hoffentlich eine weitere Lesart nahe gelegt, die man auch auf das restliche Werk Thomas Bernhards hätte ausdehnen können. Am Beispiel des ersten und letzten Romans jedoch konnte eine Entwicklung untersucht werden, die von Gesellschaftskritik in Frost, der dort noch keine positive Theorie entgegengesetzt werden konnte, hin zu einer voll entwickelten Auseinandersetzung mit der Konservativen Revolution in Auslöschung.

Die enorme Komplexität des Bernhardschen Werks bringt es jedoch mit sich, daß auch diese Lesart sehr selektiv vorging und das Thema eigentlich nach einer genaueren Studie verlangt, die hier aber, im beschränkten Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden konnte.

6. Bibliographie

6.1. Ausgaben

Bernhard, Thomas: Frost, Frankfurt a.M. 1972.

Bernhard, Thomas: Auslöschung. Ein Zerfall, Frankfurt a.M. 1988.

Borchardt, Rudolf: Reden, Stuttgart 1955.

Hofmannsthal, Hugo von: Prosa IV, in: ders.: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, hrsg. v. Herbert Steiner, Frankfurt a.M. 1988, Bd. 10.

6.2. Forschungsliteratur

Bachmann, Ingeborg: Watten und andere Prosa (über Thomas Bernhard), in: dies.: Kritische Schriften, hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche, München 2005, 453-458.

Bozzi, Paola: Der Traum als Wiederkehr des Körpers. Zum anderen Diskurs im Werk Thomas Bernhards, in:

Schweizer Monatshefte 9, 2000, 30-34.

Breuer, Stefan: Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1995.

Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern 1954.

Eickhoff, Hajo: Die Stufen der Disziplinierung. Thomas Bernhards Geistesmensch, in: Thomas Bernhard. Die Zurichtung des Menschen, hrsg. v. Alexander Honold und Markus Joch, Würzburg 1999, 155- 163.

Gößling, Andreas: Thomas Bernhards frühe Prosakunst. Entfaltung und Zerfall seines ästhetischen Verfahrens in den Romanen Frost – Verstörung – Korrektur, Berlin 1987.

Greiner, Ulrich: Der Tod des Nachsommers, München 1979.

Heidelberger-Leonard, Irene: Auschwitz als Pflichtfach für Schriftsteller, in: Anti-Autobiografie. Thomas Bernhards ‘Auslöschung’, hrsg. v. Hans Höller und Irene Heidelberger-Leonard, Frankfurt a.M. 1995, 181-196.

Helms-Derfert, Hermann: Die Last der Geschichte. Interpretationen zur Prosa von Thomas Bernhard, Köln 1997.

Hoffmann, Dieter: Prosa des Absurden. Themen- Strukturen – geistige Grundlagen von Beckett bis Bernhard, Tübingen 2006.

Höller, Hans: Kritik einer literarischen Form. Versuch über Thomas Bernhard, Stuttgart 1979.

ders.: Thomas Bernhards Auslöschung als Comédie humaine der österreichischen Geschichte, in: Thomas Bernhard. Beiträge zur Fiktion der Postmoderne, hrsg. v. Wendelin Schmidt-Dengler, Adrian Stevens und Fred Wagner, Frankfurt a. M. 1997, 47-61.

Huntemann, Willi: Artistik und Rollenspiel. Das System Thomas Bernhard, Würzburg 1990.

Jansen, Georg: Prinzip und Prozeß Auslöschung. Intertextuelle Destruktion und Konstitution des Romans bei Thomas Bernhard, Würzburg 2005.

Jurdzinski, Gerald: Leiden an der “Natur”. Thomas Bernhards metaphysische Weltdeutung im Spiegel der

Philosophie Schopenhauers, Frankfurt a.M: 1984.

Jurgensen, Manfred: Die Sprachpartituren des Thomas Bernhard, in: Bernhard. Annäherungen, hrsg. v. Manfred Jurgensen, Bern 1981, 99-123.

Kappes, Christoph: Schreibgebärden. Zur Poetik und Sprache bei Thomas Bernhard, Peter Handke und Botho Strauß, Würzburg 2006.

Kauffmann, Kai: Rudolf Borchardt und der ‘Untergang der deutschen Nation’. Selbstinszenierung und Geschichtskonstruktion im essayistischen Werk, Tübingen 2003.

Kaufmann, Sylvia: The Importance of Romantic Aesthetics for the Interpretation of Thomas Bernhard’s “Auslöschung. Ein Zerfall” and “Alte Meister. Komödie”, Stuttgart 1998.

Kern, Peter Christoph: Zur Gedankenwelt des späten Hofmannsthal. Die Idee einer schöpferischen Restauration. Heidelberg 1969.

König, Josef: “Nichts als ein Totenmaskenball”. Studien zum Verständnis der ästhetischen Intention im Werk

Thomas Bernhards, Frankfurt a.M. 1983.

Le Rider, Jacques: Hugo von Hofmannsthal. Historismus und Moderne in der Literatur der Jahrhundertwende, Wien 1997.

Madel, Michael: Solipsismus in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Thomas Bernhards

Roman Frost, Arno Schmidts Erzählung Aus dem Leben eines Fauns und Elias Canettis Roman Die

Blendung, Frankfurt a.M. 1990.

Marquardt, Eva: Gegenrichtung. Entwicklungstendenzen in der Erzählprosa Thomas Bernhards, Tübingen 1990.

Mittermayer, Manfred: Ich werden. Versuch einer Thomas-Bernhard-Lektüre, Stuttgart 1988.

Prohl, Jürgen: Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt. Studien über eine Dichterfreundschaft, Bremen 1973.

Rudolph, Hermann: Kulturkritik und konservative Revolution. Zum kulturell-politischen Denken Hofmannsthals und seinem problemgeschichtlichen Kontext, Tübingen 1971.

Ryu, Eun-Hee: Auflösung und Auslöschung. Genese von Thomas Bernhards Prosa im Hinblick auf die ‘Studie’, Frankfurt a.M. 1988.

Schmidt-Dengler, Wendelin: Der Übertreibungskünstler. Zu Thomas Bernhard, Wien 1986.

Schneider, Franz: Plötzlichkeit und Kombinatorik. Botho Strauß, Paul Celan, Thomas Bernhard, Brigitte Kronauer, Frankfurt a.M. 1993.

Steuer, Daniel: Thomas Bernhards Auslöschung. Ein Zerfall. Zum Verhältnis zwischen Geschichtsschreibung, Autobiographie und Roman, in: Reisende durch Zeit und Raum. Der deutschsprachige historische Roman, hrsg. v. Osman Durrani und Julian Preeze, Amsterdam 2001.

Süselbeck, Jan: Das Gelächter der Atheisten. Zeitkritik bei Arno Schmidt und Thomas Bernhard, Frankfurt a.M. und Basel 2006.

Vellusig, Robert: Thomas Bernhards Gesprächs-Kunst, in: Thomas Bernhard. Beiträge zur Fiktion der

Postmoderne, hrsg. v. Wendelin Schmidt-Dengler, Adrian Stevens und Fred Wagner, Frankfurt a. M. 1997, 25-46.

Weinzierl, Ulrich: Bernhard als Erzieher. Thomas Bernhards Auslöschung, in: Spätmoderne und Postmoderne. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, hrsg. v. Paul Michael Lützeler, Frankfurt a.M. 1997, 186-196.

Zimmermann, Peter: Der Bauernroman. Antifeudalismus – Konservativismus-Faschismus, Stuttgart 1975.



[1] König, “Nichts als ein Totenmaskenball”, S. 22.

[2] Abgesehen von einem Vergleich Höllers, der Bernhards Ordnungsbegriff mit dem Paul Landsbergs vergleicht. Vgl. Höller

[3] Weinzierl, Bernhard als Erzieher, S. 192.

[4] Zur Rolle des Holocausts bei Bernhard vgl. Süselbeck, Das Gelächter der Atheisten, bes. S. 448-531.

[5] Unklar ist, ob sie überhaupt als mehr oder weniger einhaltliche Bewegung zu bezeichnen ist. Vgl. Breuer, Anatomie der konservativen Revolution. Breuer unterschlägt allerdings sowohl Hofmannsthal als auch Borchardt in seiner Betrachtung, was im Rahmen der vorliegenden Arbeit umgekehrt einen Verzicht auf die konservativen Revolutionäre des neuen Nationalismus’ erleichtert.

[6] Rudolph, Kulturkritik und Konservative Revolution, S. 263f.

[7] Vgl. Rudolph, S. 266.

[8] Prohl, Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt, S. 238.

[9] Borchardt, Reden, S. 230-253.

[10] Vgl. Prohl, ebda.

[11] Hofmannsthal, Prosa IV, S. 413.

[12] Kern, Zur Gedankenwelt des späten Hofmannsthal, S. 93.

[13] Hier ist der vielleicht deutlichste Bruch mit der von Breuer und anderen skizzierten nationalistischen Konservativen Revolution: “Nun ist aber ein Erkennungszeichen der ‘konservativen Revolution’ gerade die erbitterte Kritik an der französischen ‘Zivilisation’, die sie der tugendhaften deutschen ‘Kultur’ gegenüberstellt.” Le Rider, Hugo von Hofmannsthal, S. 273.

[14] Hofmannsthal, S. 391.

[15] ebda.

[16] Hofmannsthal, S. 390.

[17] ebda.

[18] ebda.

[19] Hofmannsthal, S. 399.

[20] Hofmannsthal, S. 400.

[21] Hofmannsthal, S. 411.

[22] Kern, S. 93.

[23] Vgl. Kauffmann, Rudolf Borchardt und der ‘Untergang der deutschen Nation’, S. 166-192.

[24] Borchardt, S. 230.

[25] Borchardt, S. 232.

[26] Angezeigt durch z.B. “ganz wie, mutatis mutandis, bei uns”, Borchardt, S. 234.

[27] Borchardt, S. 235.

[28] Hier ist übrigens anzumerken, daß eine Linie von dieser Rede zur Rede über “Führung” führt, deren Nähe zum Nationalsozialismus in der Aufnahme nach dem zweiten Weltkrieg, nach Auschwitz, die Rezeption dieses Elements der Rede stark einschränkt. Vgl. Kap. 4.4.3.

[29] Borchardt, S. 236.

[30] Borchardt, S. 237.

[31] Borchardt, S. 239.

[32] Borchardt, S. 241.

[33] Borchardt, S. 242.

[34] Borchardt, S. 252.

[35] vgl.: “Die Hinwendung zur Stadt ist die Hinwendung zu Ordnung und Künstlichkeit und zu den sublimen Tätigkeiten des Menschen wie Musizieren, Malen und Schreiben. Das Stadtleben ist ein Leben gegen die Natur und ein Leben für den Geist.” in: Eickhoff, Die Stufen der Disziplinierung, S. 158.

[36] Mittels der Siglen F für Frost und Aus für Auslöschung, sowie nachfolgender Seitenangabe werden Zitate der zu interpretierenden Romane im fortlaufenden Text nachgewiesen.

[37] Ryu, Auflösung und Auslöschung, S. 41.

[38] Jurdzinski, Leiden an der Natur, S. 99. Vgl. F 75.

[39] Borchardt, S. 247.

[40] Der “nationalsozialistisch-katholische” (Aus 292) Österreicher hat in Frost noch nicht die Bühne betreten.

[41] Höller, Kritik einer literarischen Form, S. 12.

[42] Dass etwa die Trauer um die Bauern nur zu Strauchs Vision gehört und im Text nicht als ‘objektiv’ wahr konstruiert wird, zeigt sich am Ekel des Famulanten vor den Dorfbewohnern (vgl. F 85). Sie ist allerdings nicht Teil eines Strauchschen Nachttraums, vielmehr treffen sich in der Welt des Wahns in Frost der Traum in der wörtlichen und übertragenen Bedeutung.

[43] Gößling, Thomas Bernhards frühe Prosakunst, S. 101.

[44] Bozzi, Der Traum als Wiederkehr des Körpers, S. 31.

[45] Schneider, Plötzlichkeit und Kombinatorik, S. 132.

[46] Hofmannsthal, S. 411.

[47] Hofmannsthal, S. 412.

[48] Bozzi, S. 31.

[49] Hofmannsthal, S. 399.

[50] Madel, Solipsismus in der Literatur des 20. Jahrhunderts, S. 57, vgl. auch S. 34.

[51] Vgl. Mittermayer, Ich werden, S. 40.

[52] Dazu passt auch die Episode mit dem totgefrorenen Schwein, das Strauch antreiben will, in das er aber statt dessen mit seinem Stock hineinsticht (Vgl. F 247).

[53] König, S. 195.

[54] Hofmannsthal, S. 390.

[55] Huntemann, Artistik und Rollenspiel, S. 69.

[56] Vgl. Gößling, S. 91.

[57] Hofmannsthal, S. 413.

[58] Vellusig, Thomas Bernhards Gesprächs-Kunst, S. 37.

[59] Jurgensen, Die Sprachpartituren des Thomas Bernhard, S. 110.

[60] Hofmannsthal, S. 390.

[61] Am Anfang und am Ende der Auslöschung steht “schreibt Murau”, ein deutlicher Verweis auf den Unterschied zu fast dem kompletten restlichen Werk, wo im Allgemeinen der Hörer schreibt und berichtet.

[62] Steuer, Thomas Bernhards Auslöschung. Ein Zerfall., S. 67.

[63] Vgl. Höller, Thomas Bernhards Auslöschung als Comédie humaine der österreichischen Geschichte, S. 48ff.

[64] Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang die Beziehung, die Helms-Derfert zwischen der Kindheitsverklärung in der Auslöschung und romantischen Märchen zieht, vgl. Helms-Derfert, Die Last der Geschichte, S. 218ff. und der dort später angeführten Verbindung der Jäger zur modernen Entzauberung der Welt, die ja mit dem Kindheits- und Märchenmotiv interagiert, welches leider nicht Eingang finden kann in die vorliegende Untersuchung, vgl. Helms-Derfert, S. 225.

[65] Schmidt-Dengler, Der Übertreibungskünstler, S. 121.

[66] Kappes beschäftigt sich zwar mit dieser Phrase, zieht aber die falschen Schlüsse aus der Passage. Vgl. Kappes, Schreibgebärden, S. 60.

[67] Vellusig, S. 28.

[68] Marquard, Gegenrichtung, S. 58.

[69] Darauf deutet der Satz “[…] und wo ich diese Auslöschung geschrieben habe, […] schreibt Murau” (Aus 151) hin, nicht zuletzt aufgrund der kursiven Schreibweise des Wortes ‘Auslöschung’, das an die literaturwissenschaftliche Zitierweise von Monographien erinnert. Allerdings gibt es so viele kursive Worte in Bernhardschen Texten, auch in der Auslöschung, daß dies ein eher schwaches Indiz ist. Vgl. Jansen, Prinzip und Prozess Auslöschung, S. 110f.

[70] Steuer, S. 69.

[71] Es ist eine bittere Entdeckung, die Murau machen muß, daß seine Familie tatsächlich “ausgelöscht” wurde, wie es eine lokale Zeitung später verkündet (vgl. Aus 404).

[72] Vgl. Aus 76

[73] Hoffmann, Prosa des Absurden, S. 395.

[74] Zur Frage des deutschen, siehe 4.4.2.

[75] Borchardt, S. 249.

[76] Kaufmann, The Importance of Romantic Aesthetics for the Interpretation of Thomas Bernhard’s “Auslöschung. Ein Zerfall” and “Alte Meister. Komödie”, S. 72.

[77] Borchardt, S. 236.

[78] Greiner, Der Tod des Nachsommers, S. 53.

[79] Vgl.: “Hofmannsthal empfand sich als Erben der habsburgischen Tradition” (Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 153.)

[80] Vgl. Höller, S. 54.

[81] Greiner, S. 15.

[82] Es scheint dies übrigens auch eine von der Geschichtswissenschaft in letzter Zeit gemachte Verbindung zu sein, so daß sich Bernhard auch in dieser Hinsicht als scharfsichtig erwiesen hat. Vgl. Süselbeck 451f.

[83] Hofmannsthal, S. 396

[84] ebda.

[85] ebda.

[86] Vgl. Süselbeck, S. 299.

[87] Zur Verbindung der Auslöschung mit der Schriftstellerdiskussion, vgl. Ryu, S. 100.

[88] Borchardt, S. 249.

[89] Vgl. Borchardt, S. 242f.

[90] Hoffmann, S. 396.

[91] Borchardt, S. 252.

[92] Borchardt, S. 237.

[93] Borchardt, S. 239.

[94] Vgl. Prohl, S. 235.

[95] Ryu, S. 111.

[96] ebda.

[97] Achtung, es handelt sich nicht um ‘progressive’ Kritik, es ist nicht die Rede von überkommenen Strukturen, vgl. Aus 489.

[98] Bachmann, Watten und andere Prosa, S. 455.

[99] Vgl. Heidelberger-Leonard, Auschwitz als Pflichtfach für Schriftsteller.

First new artificial life form on earth

saturday in the guardian (not a regular reader of anything in the guardian besides the book section, stumbled across it just now)

Craig Venter, the controversial DNA researcher involved in the race to decipher the human genetic code, has built a synthetic chromosome out of laboratory chemicals and is poised to announce the creation of the first new artificial life form on Earth.

sounds…strange. wonder how hard that was to do, mr. venter not being the best-loved man in the science community, I gather,and rather prone to lies and/or exaggerations.
If anyone conversant in this stuff can tell me more about it or link me up (books are allowed) to something helpful, I’d be very thankful.

this here’s bullshit of course:

Mr Venter told the Guardian he thought this landmark would be “a very important philosophical step in the history of our species. We are going from reading our genetic code to the ability to write it. That gives us the hypothetical ability to do things never contemplated before”.

Hazing (fee fi fo fun for me) Update

Very interesting piece in today’s Washington Post. on a group of WW II interrogators.

When about two dozen veterans got together yesterday for the first time since the 1940s, many of the proud men lamented the chasm between the way they conducted interrogations during the war and the harsh measures used today in questioning terrorism suspects.

“I feel like the military is using us to say, ‘We did spooky stuff then, so it’s okay to do it now,’ ” said Arno Mayer, 81, a professor of European history at Princeton University.

“We did it with a certain amount of respect and justice,” said John Gunther Dean, 81, who became a career Foreign Service officer and ambassador to Denmark. The interrogators had standards that remain a source of pride and honor.

In contrast, Bush minces words again, which reminded me of Krugman’s recent remark on the lighthearted cruelty of many Republican politicians.

Tststs.

ps. I have to refer back to my last piece on hazing and esp. to the nunberg link when I see that Le Monde, with this title

M. Bush nie l’usage de la torture dans les geôles de la CIA, malgré la multiplication de pièces accablantes

are missing the point about Bush’s denial and the remarkable cruelty that accompanies the President’s choice of words, completely.

Not connecting with the Orient?

Hey, maybe it’s my extensive study of Orientalism four months past but does this statement by Marc Foster, the director of the film adaptation of The Kite Runner, in a recent NY Times article, strike anybody else as odd?

The film’s director, Marc Forster, whose credits include “Finding Neverland” (2004), another film starring child actors, said he saw “The Kite Runner” as “giving a voice and a face to people who’ve been voiceless and faceless for the last 30 years.” Striving for authenticity, he said, he chose to make the film in Dari, an Afghan language, and his casting agent, Kate Dowd, held open calls in cities with sizable Afghan communities, including Fremont, Calif., Toronto and The Hague. But to no avail: Mr. Forster said he “just wasn’t connecting with anybody.”

He’s kinda providing his own commentary, isn’t he? I need to read Orientalism again, methinks.

Hazing (fee fi fo fun for me)

In the New York Times today.
Can’t talk about it just now. I’ll just quote. Wtf?

Later that year, as Congress moved toward outlawing “cruel, inhuman and degrading” treatment, the Justice Department issued another secret opinion, one most lawmakers did not know existed, current and former officials said. The Justice Department document declared that none of the C.I.A. interrogation methods violated that standard.

The Bush administration had entered uncharted legal territory beginning in 2002, holding prisoners outside the scrutiny of the International Red Cross and subjecting them to harrowing pressure tactics. They included slaps to the head; hours held naked in a frigid cell; days and nights without sleep while battered by thundering rock music; long periods manacled in stress positions; or the ultimate, waterboarding.

Interrogators were worried that even approved techniques had such a painful, multiplying effect when combined that they might cross the legal line, Mr. Kelbaugh said. He recalled agency officers asking: “These approved techniques, say, withholding food, and 50-degree temperature — can they be combined?” Or “Do I have to do the less extreme before the more extreme?”

Still interesting, readable and something to worry about is Nunberg’s old-ish piece on torture/hazing

ps. the nunberg piece is also of interest given this response by the White House

”This country does not torture,” White House press secretary Dana Perino told reporters. ”It is a policy of the United States that we do not torture and we do not.’

Exile (deutsch)

das pflaster dieser straße
stammt nicht von hier
es wird aus dem berg gebrochen
im norden

der berg wirft eine düsternis auf
die kümmerlichste stadt des landes
sie friert im bergschatten
tag und nacht

auf olivgrünen lastwagen
wird das pflaster in die ganze welt gefahren
es schimmert nachts
in einem sanften rot

das macht es so beliebt
bei den touristen

Richard Dawkins, Christopher Hitchens and their ilk

It has been online for awhile, but it’s so perfect a phrase that I can’t resist pointing it out to anyone who hasn’t read it yet. Associate Professor Berlinerblau from the University of Georgetown, in a rare stroke of genius, called the writers spearheading the recent wave of dumb atheistic writers “the football hooligans of rational discourse”. Such a perfect phrase, isn’t it?