Elfriede

Nicole setzt sich in ihrem quietschende Bett auf, während sie darauf wartet, daß das Haus stiller wird, das nicht ihr Haus ist, oder das ihres Ehemanns, obwohl es bald ihm gehören wird, wenn Elfriede und Gunther, die Eltern ihres Ehemanns, ihre Meinung nicht wieder ändern, was allerdings nicht unwahrscheinlich wäre, da die beiden kauzigen Alten eine lange Geschichte voller Meinungsänderungen hinter sich haben, wie ihr Ehemann ihr zu erzählen nie müde wurde, Nacht für Nacht, seit zehn Jahre zuvor diese Besessenheit mit seinen Eltern und ihren Meinungsänderungen begonnen hatte, mit einem Gespräch mit Elfriede, die er auch erst seit diesem Tag so nannte, und welches eine immer weiter ansteigende Besessenheit seinerseits mit dieser Wankelmütigkeit seiner Erzeuger ausgelöst hatte, wie ein aggressives Virus, das seinen Ursprung in dem Geständnis seiner Mutter hatte, daß sie, schwanger mit ihm, eine Abtreibung gewollte hatte, daß sie und Gunther sogar beide einig gewesen waren, daß eine Abtreibung die einzige sinnvolle Lösung sei, daß jedoch eine Meinungsänderung in der tatsächlich letzten Minute, als der Arzt nämlich bereits die glänzenden Instrumente, die im Umgang mit Fleisch offensichtlich schon lange und anstrengende Erfahrungen hatten, vom Tisch, der fettig aussah und so widerlich, wie das ganze ekelhafte Haus, daß sie sich selbst dreckig fühlte, und voller Läuse, sie fühlte diese Läuse über ihren ganzen Körper kriechen und in alle ihre Körperöffnungen eindringen, Nase, Ohren, Mund und sogar -so schwor sie später- in ihr Arschloch, diese dreckigen widerwärtigen Läuse, die sie kriechen gehört habe wie eine Meute geifernder Perser, und sie war doch nur eine einzige, hier gegen diese erdrückende Übermacht, und sie fing schon an, die Lausarmee zahlenmäßig zu schätzen und kam auf eine schwindel- und ekelerregende Zahl, obwohl Gunther ihr später immer wieder versicherte, daß es keinerlei Läuse in diesem Haus gegeben habe, das er als ohnehin recht sauber empfunden habe, während sie da auf dem Operationstisch gelegen und sich mental darauf vorbereitet hatte, daß man ihr nun das Kind aus dem Leib kratzen würde, als nun der Arzt seine Instrumente hochhob, kroch ihr mit einem Mal ein Gestank von etwas Verwesendem in die Nase und blieb darin sitzen, sie schrie daraufhin laut genug, um einen Vogel auf dem Dach des niedrigen Hauses so zu erschrecken, daß er vom Dach herunterfiel bevor er krächzend davonflog, aber das Krächzen wurde übertönt vom Schmerzensschrei des Arztes, davon ausgelöst, daß Elfriede nicht nur geschrieen hatte, sondern auch die scharf aussehenden Instrumente aus der Hand des Arztes getreten hatte, mit so einer Wucht, daß sie alle Finger an seiner Rechten irreparabel gebrochen hatte, so daß er später nie wieder normal praktizieren konnte, was aber, glaubte man Elfriede, eine gerechte Strafe dafür war, daß er seine Läuseinvasoren auf seine armen, nichts ahnenden Patientinnen hetzte, wohl, damit er sie nicht selbst füttern mußte, mutmaßte sie, daß also einzig eine Meinungsänderung mit den Instrumenten in gefährlicher Schwebe über ihrem Körper zur Geburt ihres ersten und einzigen Sohnes geführt hatte, dem sie fortan innig zugetan war und noch Jahrzehnte später, ohne ihm je von diesen Ereignissen erzählt zu haben, mit Gruselgeschichten über einen einarmigen Mann mit glänzenden Messern erschreckte, der Läuse in einer Kiste unter seinem Bett hielt, und sie stets herausließ, wenn ein argloser Wanderer des Weges kam, wobei in ihren Geschichten die Läuse den Arzt für diesen Dienst bezahlten, mit Goldstücken, die sie wundersamerweise an Unrat statt absonderten, denn “die Reichen laben sich immer an den Armen, das ist die einzige Möglichkeit so eine ungeheure Menge an Geld zu verdienen” sagte Elfriede an dieser Stelle immer, eine Moral, die ihn immer eine Heidenangst verspüren ließ, wenn er später seinen Onkel traf, der reicher als Rockefeller war, was keine Übertreibung ist, denn er war tatsächlich reicher als Rockefeller, was er wußte, da sein Onkel ein Pedant war, der sein Geld genau zählte und sich danach ausrechnete, wieviel Geld Rockefeller heute gehabt hätte, alle Faktoren und Zinsen eingerechnet, und daher einmal im Jahr, bei seinem obligatorischen Weihnachtsbesuch, ausrief, daß, jawohl, er mehr Geld besaß als Rockefeller, woraufhin alle kamen und gratulierten ihm zu seinem unglaublichen Vermögen, von dem sie selbstverständlich alle einen Batzen hinterlassen bekommen wollten, gratulierten, alle, das heißt, außer Nicoles Ehemann, der nicht kam und nichts wollte, er war zu sehr beschäftigt damit, ängstlich auf dem Dachboden zu kauern, bis die laute Stimme seines Onkels außerhalb des Hauses vernehmbar war, was stets ein untrügliches Zeichen dafür war, daß er im Begriff war, das Haus zu verlassen, jedoch kam er erst hinab, wenn er sich vollkommen sicher sein konnte, daß sein Onkel fort war, und alles in allem war dies ein Verhalten, von dem keiner vermutet hätte, daß es mit einer erheblichen Erbschaft vom Blutvermögen (so nannte es Nicoles Ehemann) seines Onkels belohnt würde, und obwohl er eigentlich wußte, daß seine Angst und sein Ekel diesem Geld gegenüber auf bloßem Aberglauben und Kindheitsängsten beruhte, rührte er keinen Pfennig dieses Geldes an und verbat auch Nicole, dieses Geld auszugeben, was deshalb besonders schwer war, weil sie ziemlich arm waren, zumindest verglichen mit Elfriede und Gunther, die Nicole immer wieder erzählten, daß deren finanziellen Nöte nur ihre eigene Schuld waren, da sie, in den ersten Jahren nach der Geburt ihres Kindes, das heute sieben Jahre alt ist, nicht zuhause bleiben wollte, und ihren Ehemann somit -nach Ansicht seiner Eltern- dazu zwang, wegen ihrer Kapricen seine Karriere zu opfern, ein Angriff, der auf zugleich ruhige und so tückische Art und Weise erfolgte, daß man ihn schlecht hätte zitieren oder das alte Ehepaar auf einen bestimmten verleumderischen Aspekt hätte festnageln können, und sie hätten diese stichelnden scharfen Angriffe auch noch jahrelang wöchentlich weiter betrieben, da Nicole ihnen niemals Widerworte gab, nicht geben konnte, wenn es nicht diesen Streit gegeben hätte zwischen ihnen und Nicoles Ehemann, als er erfahren hatte, daß er um ein Haar nicht geboren worden wäre, der für eine kurze Zeit, bis seine Besessenheit voll von ihm Besitz ergriffen hatte, ein wenig Ruhe in ihren Haushalt hatte einkehren lassen, obwohl sie Elfriede und Gunthers Enkelkinder diesen nicht fernhalten konnten, weshalb sie neun Stunden quer durch Deutschland fuhren einmal im Jahr, jedoch niemals zu Weihnachten, da das, wie wir wissen, die Zeit war, in welcher, vor vielen Jahren zuvor, der reiche Onkel seine arme Verwandtschaft zu besuchen pflegte, und ihr Ehemann konnte es nicht ertragen, an den Festtagen im Haus seiner Kindheit zu sein, also kamen sie am Karfreitag, stets hatten sie ein halbes Dutzend Koffer im Gepäck, und stets erwarteten seine Eltern sie auf der Türschwelle, wobei der große fette Guntherer seine Pranke nach ihnen ausstreckte als wolle er sie packen wie Bären nach Lachsen im Flußwasser packen, und hinter ihm stand stets Elfriede, weiß wie ein Geist und fragil wie ein uraltes Manuskript, welches man zu lange der Welt ausgesetzt hatte und genau wie diese Manuskripte ist Elfriede voller Worte und genau wie diese geht sie kaum noch in die Welt hinaus, sie muß im Trockenen bleiben, hinter schweren Gardinen und umsorgt, eine Frau, von der niemand erwartet hätte, daß sie solch eine scharfe Zunge schwingt und so eine ungeheure Menge an Verachtung für irgendwen haben könnte, wie sie Elfriede für Nicole hatte, und es war wohl genau dieser Hass, der sowohl Elfriede als auch Gunther davon abhielt, Nicole auch nur in die Augen zu blicken, weil sie natürlich immer noch wütend waren nach all den Jahren, obwohl Nicole sich damals, viele Jahre zuvor, um einen Ausgleich bemüht hatte und ihnen erklärt hatte, daß sie als Ausländerin diese Stelle unbedingt hatte annehmen müssen, daß sie das Gefühl gehabt hatte, sich in dieses Land hineinarbeiten zu müssen, daß sie nicht hatte bei dem Kind zuhause bleiben können, denn alle wege in dieses seltsame Land wären ihr mit einem Mal versperrt gewesen, und unter gar keinen Umständen wäre es ihr möglich gewesen, das Kind auszutragen, als sie, noch früher, das erste Mal schwanger war, da Nicole und ihr Ehemann damals gerade erst von der Universität kamen, Gott, sie waren selbst noch Kinder gewesen, aber seine Eltern hatte es damals nicht interessiert und es interessiert sie heute immer noch nicht, und deshalb sitzt Nicole jetzt kerzengerade in ihrem Bett, wie ein Hase, der wartet, daß der Fuchs vorübergeht, kaum atmend, da sie nicht möchte, daß Elfriede sie bemerkt, also wartet sie und wartet, wie in Todesangst, vielleicht wegen diesem immer wiederkehrenden Traum, den sie hat, wann immer sie zu Besuch kommen, ein Traum, in dem sie das Haus seiner Eltern sieht, in einem kränklichen Minzton gestrichen, aus dem Blut rinnt und sie sieht, wie sich das Blut in einer großen Pfütze unter dem größten Baum im Vorgarten sammelt.

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