Vom Lesen

Ich esse Bücher. Wenn Bücher die Missionare der Vernunft und Kreativität sind (Ich gebe zu, “Missionare” und “Vernunft” in ein und demselben Satz beißt sich), dann bin ich der kraushaarige Wilde, der sie auffrisst. Ich verschlinge sie hastig, gierig, während der reichen Mahlzeit die Augen bereits nach dem nächsten auswerfend.

Ich lese viel und mit einer Gier, die dem hehren Medium “Buch”, das eigentlich eine entschleunigende Funktion in der modernen Gesellschaft erfüllen könnte, im Grunde schlecht bekommt. Ich lese mehrere Bücher parallel und trotzdem fällt mein Auge ab und zu auf ein ausgelesenes Buch im Regal und prompt falle ich auch über dieses her. Neue Bücher sind ohnehin sofort dran. Das führt zu der Situation, daß ich, trotz hohen Lesepensums, zu wenigstens einem viertel angelesene Bücher in den Regalen habe. Ich habe keinerlei ungelesene Bücher, aber mehrere dutzend angelesene. Im Moment versuche ich mich zwar von Neukäufen abzuhalten und endlich ein paar Bücher zu Ende zu lesen, aber das ist nicht gerade leicht, meine Freunde.

Ich verschandele Bücher. Gier ist ein schlechter Begleiter behutsamen Lesens. Ich bin zwar bibliophil bis (fast) zum Fetisch, meine Bücher haben kaum äußere Schäden, Knicke zum beispiel, dafür sind sie aber im Inneren gezeichnet durch dutzende Eselsohren. Eine Zeitlang wollte ich dem Beispiel einer guten Bekannten folgen und Zitate herausschreiben und archivieren, aber das dafür notwendige Innehalten im Lesen ist mir unerträglich. Also pflüge ich weiter durch die Bücher wie der ausgehungerte Wilde der ich bin.

Ich fresse Bücher und mit der Zeit entwickelt man einen feinen Gaumen, aber, seien wir ehrlich: ein echter Leser ist immer auch ein Schwein. Er frißt alles. Das heißt nicht, daß er unterschiedslos schlechte und gute Bücher liest, aber durchaus, daß er durcheinander hohe Literatur und das, was sich manchmal abwertend “Trivialliteratur” bezeichnen lassen muß, völlig zu Unrecht, und was ich Genreliteratur nenne. Sicher, auch dieser Begriff, will er hilfreich sein, impliziert eine Abwertung, aber besser wird es nicht. Ich lese nicht nur Kriminalromane, das wohl literarischste Genre, das auch elitäre Handkegenießer (Ich finde Handke fantastisch, aber darum geht es ja nicht) guten Gewissens lesen. Ich verschlinge Berge an Fantasy, historischen Romanen, Science Fiction, Horror. In den letzten Jahren zwar weniger als noch vor 5 Jahren, aber immer noch habe ich im aktuellen Lesestapel mindestens ein Genrebuch (in diesem Augenblick ist es Laura Lippman’s toller Roman “What the Dead know”). Ich finde, daß ‘trivial’ der falsche Begriff dafür ist. Sicher gibt es schlechte Bücher in der Genreliteratur, aber die gibt es auch in sogenannter Hochliteratur. Die wilde Freude am Fabulieren, die herausgeschrieene Lust am Erzählen und Erfinden ist in der Genreliteratur oft frischer und lebendiger, als in der zuweilen etwas müde wirkenden Hochkultur. Jedes Buch, und zwar jedes, kann einem denkenden Menschen, und daß das Denken beim Lesen wichtig ist, daß passives Lesen eine Verschwendung an Zeit und Buch ist, ist ohnehin klar, den Horizont erweitern. Trivial ist nur ein passiv aufgenommenes Buch, und das kann Beckett ebenso wie Stephen King sein.

Ich bin ein allesfressender Vielfraß, aber das ist nicht schlimm. Schlimm ist, daß meine Augen größer sind als mein Magen. So viele saftige Bücher und eine vergleichsweise winzige Menge an Zeit, um sie sich einzuverleiben. Heute habe ich mir die große neue P&V Übersetzung von Krieg und Frieden bestellt und zwei Biographien von Ackroyd, sowie die Tagebücher von Schlesinger, ohne eine Idee davon, wann ich diese 4000+ Seiten lesen will. Je mehr man liest, umso mehr wird einem bewußt, daß es noch unzählbare Mengen an Büchern gibt, die man noch nicht gelesen hat.

Und es kommt einem auch ein bißchen die eigene Meinung abhanden, die ich nur noch rhetorisch formulieren kann, fast alles was ich schreibe, ist dem Vorredner geschuldet, als Reaktion, denn je mehr man liest, umso schneller fällt einem auf, daß alles immer komplizierter ist, als man auf die Schnelle erklären kann. Auf jedes kurze Statement, so gut es auch ist, muß man eigentlich immer antworten: ‘ja, aber…’. Insofern ist eine eigene Meinung, die keine Reaktion ist, immer eine ungeheure Unverfrorenheit, eine wilde Ungeheuerlichkeit, an der man sich nicht versucht, weil sie einen bei den anderen Dampfplauderern immer ärgert und ist doch schon immer ein Dampfplauderer. Also liest man weiter, ohne all das Gelesene angemessen schöpferisch zu verarbeiten, um es ablegen zu können, man liest weiter und frißt sich immer mehr Material an und keine Diät der Welt hilft dem gierigen Leser da weiter.

Und dann sitzt man da, aufgebläht mit Büchern, Worten, Wissen, Figuren und hundertfachem Leben, und weiß doch nur, daß es immer und immer weiter geht, weiter, hinaus in die welt und in die Bücher, ich, die gefräßige Lesesau, der aufgedunsene Wilde mit dem Kraushaar und dem Herz voll Buchstaben.

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