Teilen und Herrschen

Guter Artikel bei missy:

Es sah so aus, als sei die „Dritte Welle“, wie die aktuelle Frauenbewegung in den USA genannt wird, auch in Deutschland angekommen. Endlich äußerten junge Frauen sich zu einem Thema, das lange Zeit als uncool/unsexy/unwichtig geächtet war: Feminismus. […]

Stattdessen beobachten wir – zusammen mit dem Rest der Bundesrepublik – jetzt mit zunehmendem Ärger und Enttäuschung den öffentlichen Generationenkampf, der derzeit in den Medien inszeniert wird: JUNGE gegen ALTE FEMINISTINNEN bzw. DER NEUE gegen DEN ALTEN FEMINISMUS.

Dabei verhält es sich angeblich so: Die neuen Feministinnen sind hedonistische, geschichtsvergessene Girlies, die Emanzipation mit dem Tragen von Lipgloss und Stilettos gleichsetzen, sich nur für ihre eigenen Karrieren und Beziehungen interessieren und Pornografie und Prostitution „total geil“ finden. Die alten Feministinnen verstehen keinen Spaß, sind total unlocker, was Pornos und gekauften Sex angeht, kämpfen gegen die Verschleierung der muslimischen Frau und wissen nichts von den Problemen der jungen Generation.

Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass ein Großteil der Berichterstattung die vielen verschiedenen feministischen Positionen auf dieses Schema reduziert, befeuern auch einige der Protagonistinnen selbst diese Klischees. […]

Muss das wirklich sein? Im Grunde ist es doch so: DEN FEMINISMUS als homogene Bewegung hat es nie gegeben, nicht Anfang des Jahrhundert während der „Ersten Welle“, nicht in den Siebzigern und nicht heute. Immer schon haben Feministinnen im Laufe der Geschichte viele verschiedene Positionen zu allen möglichen Themen vertreten. Es gibt die, die von einem grundlegenden Unterschied zwischen Männern und Frauen ausgehen und jene, die schon die Konstruktion eines solchen Unterschiedes sexistisch finden. Es gibt Feministinnen, die Pornografie als frauenfeindlich einstufen und andere, die es politisch finden, selbst in Pornos mitzuspielen. Feministinnen aus der weißen Mittelklasse kämpfen gegen ganz andere Probleme als Migrantinnen, lesbische und transsexuelle Feministinnen gegen andere als heterosexuelle.

Diese Meinungsverschiedenheiten und das gegenseitige Abarbeiten aneinander machen das Arbeiten manchmal verdammt anstrengend. Aber sie sind notwendiger Teil des Feminismus und wir wollen sie nicht missen. […] Wenn wir uns nun einreden lassen, es handele sich um ein Generationenproblem, hält uns das nur von wichtigeren Aufgaben ab.

Die Wahrheit ist: Wir wissen zu wenig voneinander. Die Zwanzig- bis Dreißigjährigen sind schlecht informiert über die Geschichte der Frauenbewegung und tappen deshalb allzu oft in die gleichen Fallen wie ihre Vorgängerinnen in den Siebzigern. Die ältere Generation sieht wiederum nicht, dass junge Frauen heute auch politisch aktiv sind – auch wenn dieser Aktivismus andere Formen annimmt als damals. Einige von uns arbeiten nach wie vor an den Themen, die schon für die „zweite Welle“ aktuell waren und es immer noch sind, wie etwa das Recht auf Abtreibung. Für andere ist es wiederum politische Arbeit, in einer Band zu spielen, eine Zeitschrift wie Missy herauszubringen, ein Frauenkulturfestival zu organisieren oder ein Buch über eine 18-Jährige zu schreiben, die sich passioniert mit ihren Körperflüssigkeiten beschäftigt.

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