Jirgl reading.

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7 thoughts on “Jirgl reading.

  1. Das Problem der Herkunft – einige Jahre zuvor in Nazi Deutschland und dann in der DDR. Jirgl bechreibt das Dilemma im damaligen Ostdeutschland, wie ich es von anderen gehört habe, die es erlebt haben. Vor allem erinnere ich mich an einem Pastors Sohn, der nicht studieren dürfte, eben weil er der Sohn eines Pastors war. Sein Vater war Offizier im 2. Weltkrieg und ist Pastor geworden um auf seiner Art für die Verbrechen seines Landes zu büßen.

    Was wäre die deutsche Literatur heute ohne den 2. Weltkrieg und die DDR? Schreckliche Zeiten haben immerhin gute Bücher inspiriert! Die Opposition zu einer Regime bringt oft grosse Talente mit sich – ich denke an einem Autor wie Solzhenitsyn, der nach seinem Exil in Amerika nie wieder was Gescheites geschrieben hat. Dafür, so lange er in der UdSSR unterduckt war, hat er Meisterwerke geschrieben.

    Jirgls Buch ist nicht in der Opposition geschrieben. Vielleicht fehlt ihm die Leidenschaft, die solche Verhältnisse hervorbringt.

  2. Du magst Jirgls Buch nicht? Ich halte ihn für den besten lebenden Romanschriftsteller in der deutschen Sprache, auch im Vergleich mit anderen epischen Größen wie Winkler, Grass, Lenz, Jelinek oder Kappacher. Ich lese gerade wieder “Die Unvollendeten” und stelle fest, daß Jirgllesen die Sprachwahrnehmung erziehen kann. Ich ging gestern durch Köln und setzte mental Jirglsche Typographie in Werbe- und andere Plakatsprüche. Jirgl ist klar und doch finde ich ihn immer leidenschaftlich. Ich kann die Publikation seiner Büchnerpreisrede nicht erwarten (ich hatte ja auf einen Videomitschnitt gehofft…), denn von den letzten Gewinnern des Preises finde ich ihn dem großen Revolutionsdramatiker am nächsten. Und Opposition, naja. Viele große DDR Literatur leitete Opposition ein, wurde aber nicht schon in der Opposition geschrieben. Irmtraud Morgner und Heiner Müller waren beide leidenschaftliche Kommunisten, und Christa Wolf ist es noch, aber die “Trobadora Beatriz”, “Christa T.” oder Bräunigs “Rummelplatz” sind vor der Opposition geschrieben. Reine Oppositionelle, wie Wolf Biermann, haben kaum werthafte Kunst erschaffen. Die DDR wurde nicht von allen ihrer Bürger generell als, ich zitiere dich, “schrecklich” empfunden. Mein Vater durfte auch nicht studieren (hat es aber über Schleichwege und einem späteren Studium in Russland nachgeholt), aber er, und überhaupt meine Familie zB. haben wenig Verständnis für Geschichten aus der DDR die sie für Verfolgungsmythen halten, wobei es sicher in Berlin und in intellektuellen Kreisen anders war als in Dresden oder einem Dorf in Sachsen; man weiß ja wie das Interesse der Staatssicherheit gelagert war. Generell ist es aber tatsächlich so, daß ‘normale’ Menschen, Menschen mit den ich verweandt oder bekannt bin, die mir mir zu DDR Zeiten in Dresden gelebt haben, narratives wie Uwe Tellkamps “Der Turm” mit Argwohn betrachten, stellt Tellkamp doch eine Welt dar, die für sie nicht so existiert hat. Ich sehe im deutsche Diskurs heute die Gefahr, daß Einzel- und Schichschicksale als repräsentativ für eine gesellschaftliche Gesamterfahrung stehen. Wenn Tellkamp in der Schule gelesen wird, dann sicher nicht so, wie es korrekt wäre, nämlich als Darstellung eine zahlenmäßig schmalen elitären Schicht von Chefärzten und Verlegern, sondern, um den Rezensenten Bisky (FAZ?) zu zitieren, als Darstellung dessen “wie es war in der DDR”, was grob falsch wäre.

  3. Alle waren nicht so unglücklich in die DDR. Ich habe eine Bekannte, die jetzt in Westberlin lebt, die mir gesagt hat, ihre Tochter hätte es nie in die BDR so weit gebracht. Dank das System in Ostdeutschland hat die Tochter es bis zum Augenchirugen gebracht – das hätten die Eltern sich nie leisten können. Übrigens die Tochter lebt auch in Westberlin…

    Und am Theater in Leipzig gibt es eine sehr liebe Bekannte, die in der DDR Zeit gearbeitet hat, wie auch heute. Sie hat geklagt, dass man in der DDR mit nichts Vorsellungen auf die Beine gebracht hat, kein Geld für Kostüme u.s.w. und die Vorstellungen sind doch zu Stande gekommen. Mit nichts hat man Theater machen können. Na ja, Theater ist ja Illusion. Aber nach der Wende wurden Regisseure für sehr viel Geld aus München geholt, die Ausstattungen kosten nun ein Vermögen, aber die Aufführungen sind nicht deswegen besser.

    Jirgl, ich gebe zu, ich habe noch nichts von ihm gelesen. Der Ausschnitt, den Sie hier gebracht haben, hat mich nicht überzeugt. Aber so stur bin ich wiederum auch nicht. Was empfehlen Sie? Ich werde die Feinheiten der Sprache vielleicht nicht so gut schätzen können wie Sie, Englisch ist ja meine Muttersprache, aber ich kann es versuchen!

  4. Oh, entschuldigen Sie das duzen in meiner vorhergegangenen Antwort, das angelsächsische Forums-“you” verführt zum deutschen Duzen. Ich denke, daß “Abschied von den Feinen”, obwohl es nicht Jirgls bestes Buch ist, doch der ideale Einstieg in sein Werk ist. Eine Rezension davon finden Sie hier https://shigekuni.wordpress.com/2009/07/26/enigma-reinhard-jirgls-abschied-von-den-feinden/. Seit diesem Roman hat Jirgl seine Methoden vielfach verfeinert und perfektioniert, aber dieses Buch ist dennoch eine augezeichnete Einführung in sein Schreiben.

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