Islamophobie in den guten Kreisen (Update)

Der Soldat vergaß nicht zu erwähnen, daß Manöver und Rüstung entbehrlich wären, sobald die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in allen Ländern abgeschafft wäre. “Und die Ausbeutung der Frau durch den Menschen.” sagte Beatriz. “Wie”, sagte der Soldat. Sein Unverständnis erklärte sich Beatriz mit den idealen Zuständen seiner Heimat.
(Irmtraud Morgner)

Es ist mir ein Rätsel, nicht nur mir, aber ich bin ja der mit der großen Klappe, also rede ich von mir, daß Menschen, die in bestimmten Belangen zu einer guten und kleinteiligen, sorgfältigen und ausgewogenen Analyse fähig sind, diese Fähigkeit in anderen Bereichen völlig vermissen lassen.

Ich dachte immer, es gibt sowas wie eine Fähigkeit zum kritischen Denken, die man entwickeln kann. Wenn man sie hat, wendet man sie an. Oder so. Dass ich seit einiger Zeit über die blogroll von classless kulla an den blogs verschiedener, entweder der gleichen Szene wie Kulla (ich bin mir unsicher. Ich sach mal: antideutsch. Das sind aber auch mindestens zwei verschiedene Szenen, habe ich bei der Kloppe, die Antideutsche untereinander manchmal verteilen, den Eindruck. Eine Klarstellung fänd ich hilfreich. Schreiben: mir!) oder einer ähnlichen Szene angehöriger Menschen, mitlese, desillusioniert mich da ein bißchen. Da findet man ausgezeichnete Analysen des Antisemitismus und freut sich schon und dann schlägt der Dorn-Effekt voll zu (hier im ersten Satz beschrieben.).

Denn, lo and behold, es stellt sich manchmal plötzlich heraus, daß man es mit einem islamophoben Menschen zu tun hat. Und zwar mindestens auf dem Dämlichkeitsniveau eines Herrn Broder. Aber was ist denn mit den anderen Sachen? Was ist denn plötzlich passiert? Mit einem Mal findet der bestürzte Leser Analysen auf dem Niveau einer knapp bestandenen mittleren Reife. Etwa hier, wo jemand die offensichtliche Islamhetze in den Medien so vom Tisch wischt:

Zwar mühen sich ausnahmslos alle etablierten Medien damit, den Islam vom „Islamismus“ und die (angeblich oder tatsächlich) friedlichen von den terroristischen Muslimen zu trennen; zwar beruft der Innenminister „Islam-Konferenzen“ ein, von denen dezidierte Kritiker der selbst ernannten Religion des Friedens ausgeschlossen bleiben; zwar wird allenthalben vor einem „Generalverdacht“ gegen die Anhänger des Propheten gewarnt und auf die kulturellen Leistungen des Islams hingewiesen –

Das, meine ungläubig schauenden Lieben, ist wirklich ein Argument der Autorin. Da kommt nichts mehr. That’s it. Das war’s schon. Man könnte nun glauben, gut, diese Autorin ist leider etwas oberflächlich, nicht interessiert, zum Beispiel an der Tiefenstruktur, die rassistischen Argumenten meist zugrunde liegt, etwas in der Art, bitteschön. Das hätte ich auch fast geglaubt. Aber nur wenige Zeilen später findet sich diese Bemerkung:

Rether merkte entweder gar nicht, welches antisemitische Klischee er da bediente, oder er nahm es bewusst in Kauf; die letztgenannte Möglichkeit ist bei einem, der Israel auch schon mal als „ganz normalen Apartheidstaat“ bezeichnet, zumindest nicht auszuschließen.

Ach? Auf einmal gibt es also die Möglichkeit, Klischees zu bedienen? Wohl gemerkt, Rether hat Juden nicht einmal erwähnt. Selbstverständlich hat die Autorin recht in ihrer Analyse, aber das hier ist ein völlig anderes Maß, das hier angelegt wird. Und wieso? Zeigt ihre Analyse, zum Beispiel auch in diesem völlig angebrachten Artikel, nicht, daß sie es kann? Daß sie es besser wissen müßte? Bei der Auflösung dieses Rätsels greift vielleicht ein Vorwurf, den sie dem armen dummen Kabarettisten vor seine kabarettierenden Füße wirft:

das könnte Rether wissen, wenn er es denn wissen wollte

Ja eben. Sie könnte es besser wissen und sagen. Nur mit dem wollen, da hakt es etwas. Es ist, als sei es unbewusst eine so große Überwindung, nicht antisemitisch zu sein, daß man ein Ventil braucht, um den Hass loszuwerden. Und wieso sollte das nicht der Islam sein? Den konnte man schon immer ganz gut hassen, alte Islamverunglimpfer wie Bernard Lewis, denen ihre Unwahrheiten Mal aufs Mal nachgewiesen wurden, erfreuen sich noch immer einer hohen credibility, aber versuch du mal, Weininger zu zitieren. Lewis geht immer noch runter wie Öl. Und das Beste ist, daß man sich beim Islam, im Gegensatz zum Antisemitismus, bei dem man sich zwar keine neuen Klischees ausdenken mußte, aber durchaus ‘neue’ Leute, denen man sie anhängen konnte, man konnte mit einem Mal zB nicht mehr einfach ‘der Jud’ sagen, wenn man den Jud meinte, gar nichts neues ausdenken mußte. Früher meinte man genau die gleichen Leute, die man heute meint, man verwendet exakt die gleichen Klischees, exakt die gleiche Argumentation und auf deutsch kann man auch immer noch sehr schön ‘Araber’ sagen, mit starker Betonung auf dem ersten A.

Ich würde ja sagen: whatever gets you through the day, aber traurig macht mich das schon. Wenn schon die, die eigentlich auf der ‘richtigen’ Seite stehen, dies nur deshalb machen können, weil sie mit einem Bein eigentlich noch auf der anderen Seite stehen, um dem kinderschändenden Ziegenficker einen Tritt zu verpassen, da kriegt man bloß wieder Kopfweh. Und damit schlagen wir den Bogen zum Eingangszitat aus einem Roman der großen Irmtraud Morgner. Natürlich, so stellt sich heraus, hat das Unverständnis des jungen Soldaten einen anderen Grund. An diesen Aspekt hat er nämlich gar nicht gedacht. Oder nicht auf die gleiche Art und Weise.

Übrigens. Das mag mir auffallen, weil ich gerade den prison break/doctorow artikel umgeschrieben habe (die Änderungen sind noch nicht online), aber daß die Autorin des hier zitierten blogs ausführliche Artikel über die Fußballbundesliga schreibt, ist vielleicht nur ein blöder Zufall. Hm.

Ps. Daß ich hier diese spezielle Art der selektiven Blindheit gewählt habe, heißt nicht, daß es nur die gibt, ein ganz anderes Beispiel aus einer anderen Richtung hätte ich mit Arne Hoffmann gehabt, der u.a. auch für den watchblog islamophobie schreibt, und der ganz eigene blinde Flecke entwickelt, wenn er wiederum über Antisemitismus oder Feminismus schreibt.

Nachtrag Lange bevor ich diesen post geschrieben habe, hat sich übrigens Herr Broder zu Wort gemeldet, was ich beinahe übersehen hätte (via):

“Wehe uns, wenn hier demnächst die Moscheen brennen, dann wills WIEDER keiner gewesen sein”, orakelt der Dhimmi und meldet sich freiwillig zum Dienst bei der Leibstandarte “Osama”.

Das Wort Dhimmi ist übrigens von seiner Wucht, Brutalität und Menschenverachtung heute im bürgerlich einigermaßen akzeptierten Vokabular kaum zu übertreffen. Es findet sich zum Beispiel auch unter den Fittichen von classless Kulla, bei dem Kommentare stehen wie

Deine Argumentation ist inhaltlich eher die eines Dhimmi

Dieser Kommentar, wohlgemerkt, steht unter einer simplen religionshistorischen Auslassung eines anderen Kommentierenden und wird von Kulla gebilligt, anders als das bloße Anführen von Personen übrigens, die in einem völlig anderen Bereich antisemitismusverdächtig sind. Kulla selbst schreibt über Rassismusvorwürfe etwa an Adresse der bahamas, die ich oben an einer signifikanten Stelle zitiert habe

Wenn es jemand für rassistisch hält, wenn sich zugunsten von Israel und von nicht-ethnisierten Migranten ausgesprochen wird, weiß ich auch nicht, warum ich mit ihm unbedingt diskutieren muß.

Nein, ich auch nicht. Und das ist auch nicht das Problem und das wissen wir alle. Duh.

Das schließt wieder den Kreis zum Artikel, unter dem dieser Nachtrag steht. Wäre diese Argumentationsweise an anderer Stelle, etwa bei Arne Hoffmanns Antisemitismusverteidigung, so aufgetaucht, ich glaube Kulla hätte sich (zu Recht) nicht einmal damit befaßt. Also wieso…? Wieso hält er solchen islamophoben oder zumindest antiislamischen Rassismus für eine “offene Frage”? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. An der Blödheit kann es nicht liegen, blöd ist nämlich weder Kulla noch Liza. Noch Broder. Aber woher kommt das? Antworten nehme ich gerne an, obwohl zum Beispiel individualpsychologische Begründungen à la wojna (“du kommst mit deinem Leben nicht klar”) natürlich Unfug sind.

No Child Left Behind (on Doctorow’s Book of Daniel and Prison Break)

Whereas in Prison Break (see my 1st essay here) the escapee from the system has tattooed the system onto his body as a powerful trope of his inability to really escape it, the character of Paul Isaacson in E.L. Doctorow’s vivid novel The Book of Daniel has implanted the system into his thoughts: the belief in democracy assures his inability to understand what happens all around him. His son Daniel, who faithfully and thoroughly records his father’s failure, copies his bourgeois sexual morals and ‘improves’ upon them. However, as he gains insight in his father’s mental blocks, his own epistemological stability gives way, which accounts for the fractured narrative of Doctorow’s novel.

So how could either of them ever escape ‘the tyranny of what everyone knows’, to quote a BSF song? Were they to stage a violent revolution and destroy the system, would it not still cling to them? To a part of themselves they cannot access? [I will reread Marcuse and insert him later on, promise] Would Daniel’s both physical and mental abuse of his wife stop? Or, to cite an idea of Eske Bokelmann‘s which I have encountered only recently but which is certainly worth investigating, would he stop thinking in terms of value and evaluation? Would, for instance (and I am not suggesting that this is the correct way to go about it, it’s just an example), a rearrangement of the means of production have an effect like that?

There is, one could say, a certain development from The Book of Daniel to Prison Break. This development becomes obvious once we see the changed visibility of the mire these texts’ characters, hell, we all, are in. So how do we change that? Simplistic attitudes like Raymond Tallis‘ (I will review a preposterously stupid and disingenuous text of his when I return) don’t of course help, but skepticism of my sort doesn’t either. So what? Education? Sexual Education? Something like that. No Child Left Behind, that ill-conceived act of the Bush administration could nevertheless provide a slogan for the way one could go about it. But then again, how? What teachers? What schools?

In both texts there is an admirable honesty, one that I personally, with my limited reading, only know from Müller plays. The way, for example, a revolutionary in Zement tries to beat his wife into submission, or the cyclical, self-devouring vision of revolution in Mauser or Der Auftrag are kin to Michael Scofield’s tattoos or Paul Isaacson’s conversion to baseball in prison. In nuce, this is contained in one of the most famous statements by the probably most popular Founding Father, who demanded of each new generation to have its very own revolution. However what he probably meant wasn’t really revolution (for this, see Hannah Arendt’s enlightening essay On Revolution) in the sense that I (or Isaacson, for that matter) have been using it. With Jefferson, I get the impression, revolution is more like a catharsis or like a correcting instance. When I read that statement years ago, I was stunned by its cynicism. But of course it wasn’t cynicism. He probably thought it was a good thing. Maybe it is. Maybe this is the only reasonable way to look at it. It may well be the case that children get left behind, no matter how considerate a ‘complete’ revolution is carried out. But if we leave the children behind, and our minds are polluted with The Old, as Scofield’s body is, in what meaningful sense will the revoluted world be different from the Old?

Or maybe drowning is the only way to step out of the river. Maybe Paul Isaacson was lucky. Now that’s cynicism. And unjustified. Isaacson was tortured for having ideals. As a character in Doctorow’s novel says: revolution was harder in the old days. And it was. Will I get punished for writing such a whack essay as the present one? No. But maybe the development from the harder days to the easier, priviledged days of today is due to the fact that there isn’t any need to repress today’s mild revolutionaries as I am one. We, like Scofield, no longer have the same kind of distance to the system. It pervades every aspect of us. Yet didn’t Adorno teach us that all that the culture industry does is make these kind of bindings visible, bindings that were present all along?

Oh what a terrible essay this has been. More questions than answers and no structure to speak of. Yet that is my mind, currently. An ugly mess of ideas. I will rework this text when I’m back. Promise.

Reading Prison Break (1)

(I have tried to keep this simple reading of Prison Break at a simple level. We all know which philosophies and theories one could reference and insert at every other line, I find particularly the connection between Agamben’s homo sacer and Prison Break’s characters a delicious one but this is not a academic paper. I might write of this again but not today. I have not seen season 3 either, this reading encompasses seasons 1 & 2)

As with a whole lot of other shows in the last couple of years, Prison Break, too, is, on the surface level, about conspiracies. The main conspiracy is a variation on the typical idea of a consortium of powerful companies and politicians ruling the world, an old image that has resurfaced in ugly ways, as in ideas of a Jewish World Conspiracy.

Here, the evildoers are called The Company and they are not just your shady powerful politicians, they really are in control of the world, though to what extent is never clarified, at least not in the first two seasons of the show. It starts off with a mistake: the weakest link in the conspiracy has snapped, a death has to be faked and an innocent man, a small time criminal, has to take the rap. The first season of the show narrates the story of that innocent man’s younger brother who fakes a bank robbery in order to get thrown into the same prison where his brother is awaiting the death penalty and to break his brother out.

Here’s where the show gets interesting. While gradually the conspiracy to kill Lincoln Burrows (the innocent man) is unveiled, Michael Scofield‘s (his brother) plans how to break Lincoln out are also unveiled. And Michael, being a bona fide genius, has assembled a complex plan of not only how to break out of prison but also how to escape afterwards. He’s planned alternative routes, complex schemes, involving inmates, mexican drug lords, graves, water pipes, all that shit. He is at the center of a highly complex conspiracy himself, which is absolutely necessary in order to prevail, because The Company has incredible resources.

This sort of genre always involves an opposition that indulges in a little counter conspiracy. However, contrary to what one might think upon reading these lines, Michael is not the stereotypical opposition to The Company, although the existence of such a stereotypical structure is playfully suggested by lines such as “let him be your Oswald”. There is a second enemy to The Company, another organization, wherein rebelling Senators, former members of the Company and all kinds of former agents combine their resources in order to bring The Company down.

Contrary to them, Michael represents the ‘human’ element. Well, he and his fellow escapees. The fact that its about humanism is driven home by an episode with Sucre, which is basically a 20th century take on the famous scene from Les Misérables where Jean Valjean steals the Bishop’s silver. This scene is strongly coupled with social criticism on the one hand and a theme of guilt and redemption.

Michael Scofield has helpers, but they don’t know all the details, they are just pawns in his ingenuous escape plan, which is quite literally written upon his body. The plans are tattooed on his beautiful body. He and his plans merge. Escaping becomes an integral part of himself, it is part of his body. There’s a second interesting thing about the tattoos: even if they represent his way to freedom, they also re-present the system. They depict water pipes, names, locations etc. which belong to the world which, in turn, is ruled by The Company. There are even times, when the system manages to read what Michael’s written on his body and it punishes him for it. And yes, I am carefully avoiding to shout Foucault! at this point. But even though the opposition to the system is inscribed on his body, he appears to be thinking, throughout season 2, that he’s only trying to escape the small conspiracy that has sent his brother to jail, not any larger one. He is content with being left alone. To this end he flees the country, but he has misunderstood the magnitude of the system. The discordian stepping out of the river is shown to be an illusion, because, it appears, everything is the river, and what appear to be banks are just temporary snags. I have not seen season 3 yet (tv-links.co.uk is down) but I suspect that Michael’s way of not attacking the system but trying to evade it will not work. He will have to confront The Company in order to find closure. He can’t possibly destroy it.

Prison Break, especially season 2, has been compared to The Fugitive, that hit show, where Dr. Kimble races across the country, trying to elude the police and find out who really committed the crime he was accused of. However, while looking similar on the surface, Prison Break provides a deeper level. It’s not about this country, nor about Lincoln Burrows, its about the fundamental question of what actions have to be taken once you recognize where you live, what system you live under, how deeply it has inscribed itself onto your body and how dangerous, in the end, it can be. Not for me maybe (white middle-class male) but for my friends, children, neighbors maybe who will have to be sacrificed in order to keep the system running smooth.

Well, still, you might point out to me, what about the mysterious boss and the faking of records and the wag-the-dog-style creation of news and misinforming the public and killing witnesses and convening in shadowy rooms or on boats blablabla. There’s a conspiracy, plainly, and while the fight against the system thing is nice, this fits in with most conspiracy thrillers, only those conspiracy shows who are really down with the system, such as Alias, don’t do that storyline.

The point is, on the one hand, you can’t separate the nation, country, take what you want, from the ‘conspiracy’ here. The conspiracy is total. You can pin it to certain people such as the current president of the US but ultimately, even she (yes) has to answer to The Company. Which makes it less a conspiracy but a total system fucking with all of us. Equally. If world and secret rule are inseparable, the distinction outlives its usefulness. As a journalist wrote recently: nobody rules the world. On the other hand, you they never tell you about the company’s deeds, even after 2 seasons the audience has not the slightest inkling of what the company does. Nobody’s interested in the big conspiracy, the only part of The Company’s misbehaving that concerns the company’s main protagonists is the mistake that put Lincoln Burrows in prison.

So, deep down, it’s not about conspiracies, it’s about freedom. At least the first 2 seasons were. You’ll never know what a show will turn out like after some seasons, after content has been adjusted to the ratings but for now it’s a great show.
Or am I overinterpreting?